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Artikel von J. Strasser

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Johano Strasser

Johano Strasser

ist Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums und Mitglied im Fortschrittsforum.

Zur „Neuen Kultur der Arbeit“ - Teil I

von Johano Strasser am 02. Dezember 2011

In seinen ersten vier Thesen schreibt Johano Strasser über den Charakter von Arbeit, die Tragödie des Workoholic und über unsere kruden Vorstellungen von Wachstum und Vollbeschäftigung. Eine Einladung zum Nachdenken.


1. Was ist der Sinn der Arbeit? Manchmal - für manche Menschen mehr als für andere - hat Arbeit ihren Sinn in sich selbst. Dann ist der Arbeitende motiviert durch die Freude an der (kreativen) Leistung, an der Verausgabung seiner produktiven Kräfte, am konkreten Ergebnis des Arbeitsprozesses. Arbeit kann gelegentlich tatsächlich dem freien Spiel nahekommen. Die meisten Menschen arbeiten aber vor allem oder sogar ausschließlich um des Arbeitslohns willen, um sich leisten zu können, was sie brauchen und was sie sich wünschen: Nahrung und Kleidung, ein Dach über dem Kopf, Muße und Urlaub, eine gute Ausbildung für die Kinder, ein neues Auto, das neueste Superhandy, den Besuch im Theater, im Konzert, in der Oper. Arbeit kann selbst Teil des schönen Lebens sein, meistens aber ist sie - zumindest zu erheblichen Teilen - eine Last, die die Menschen auf sich nehmen, damit sie das Geld verdienen, mit dem sie sich in der Freizeit das Leben verschönern können.

2. In der Moderne haben die Menschen große Anstrengungen unternommen, ihre Genussmöglichkeiten zu steigern. Damit sie sie wahrnehmen können, müssen sie einerseits arbeiten, um sich die Genussdinge und –möglichkeiten kaufen zu können, andererseits von Arbeit entlastet werden, um freie Genusszeit zu gewinnen. Wenn Menschen keine Zeit haben, von den gebotenen Genussmöglichkeiten Gebrauch zu machen, macht es auf Dauer für sie auch keinen Sinn, sich immer mehr und immer neue Genussmöglichkeiten zu erschließen. Das ist die Tragödie des workoholic und der vielen zur ständigen Verfügbarkeit gepressten Arbeitnehmer. Wer sich dagegen alles leisten kann, ohne einen Finger krumm zu machen, verliert am Ende nicht selten auch die Freude am allzu mühelos erworbenen Genuss. Das ist die Tragödie des faulen Genießers.

Das Menschenbild der Moderne kreist um die Vorstellung der tätigen Selbstverwirklichung. Auch die moderne Freizeit ist eher selten eine Zeit der puren Untätigkeit oder der Trägheit. Große Teile der sogenannten Freizeit sind in Wirklichkeit nicht frei verfügbar, sondern der sozial oder privat notwendigen Nichterwerbsarbeit gewidmet. Den größten Umfang nimmt hier die nach wie vor ziemlich einseitig den Frauen aufgebürdete Familienarbeit ein. Aber auch in der wirklich frei verfügbaren Lebenszeit ist der moderne Mensch immer öfter aktiv, sei es in frei gewählter und selbstbestimmter ‚produktiver’ Tätigkeit, im Spiel oder in genussorientierter Betriebsamkeit. Wenn Paul Lafargue noch vom Recht auf Faulheit träumte, so geht es uns heute eher um das Recht auf selbsttätig genutzte Lebenszeit für alle.

3. Ein erfülltes Leben ist für die allermeisten Menschen ohne Erwerbsarbeit nicht denkbar. Darum bleibt es ein wichtiges politisches Ziel, allen Menschen, die arbeiten wollen und können, Zugang zum Erwebsarbeitssystem zu eröffnen. Über alle Parteigrenzen hinweg scheint heute Konsens zu bestehen, dass es einen Königsweg zur Wiedergewinnung von Vollbeschäftigung gibt:
Wirtschaftswachstum. Aber dieselbe Dynamik, die wirtschaftliches Wachstum erzeugt, führt auch zu Prozessinnovationen mit dem Ziel der Rationalisierung und Automation, also der Arbeitsersparung. In der größten Wachstumsphase der Bundesrepublik Deutschland von 1953 – 1973 wuchs die Wirtschaft jedes Jahr um 5,4 %. Gleichzeitig gab es aber einen Rückgang des gesellschaftlichen Arbeitsvolumens um 1%!  Wachstumsraten wie in den 50er und 60er Jahren sind auf dem heutigen Entwicklungsniveau in Deutschland nicht mehr erreichbar. Darum ist die Hoffnung auf die kontinuierliche Ausweitung des gesellschaftlichen (Erwerbs)Arbeitsvolumens durch Wachstum illusionär.

Seit dem Beginn der Industrialisierung - für deutsche Verhältnisse also seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts - wurden die durchschnittlichen (Erwerbs) Arbeitszeiten drastisch reduziert: die wöchentlichen Arbeitszeiten von über 80 Stunden auf 40 und darunter, die Lebensarbeit durch die Verlängerung der Ausbildung und die Herabsetzung des Ruhestandsalters und die steigende Lebenserwartung in ungleich größerem Umfang. Ohne diese kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung hätte es in der modernen Geschichte nicht eine einzige Phase annähernder Vollbeschäftigung gegeben.

4. Heute sehen wir uns ökologischen, sozialen und - auf der Seite der Konsumenten - zeitökonomischen Grenzen des Wachstums gegenüber. Dazu kommt, dass die Beschleunigung der Innovation ein neuartiges Sinnproblem erzeugt: Immer häufiger wird das erworbene Konsumgut entwertet und die Freude daran geschmälert, weil sogleich das bereits entwickelte Noch-Bessere in den Blick kommt. Wie aber soll die Vorstellung aufrecht erhalten werden, dass Leistung sich lohnt, wenn das, was ich mir aufgrund meiner Leistung leiste, immer öfter nur das Zweitbeste ist? Zwar gibt es sinnvolle Großprojekte, die nach wie vor die Leistungsbereitschaft mobilisieren können, wie die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene, die Ersetzung fossiler Energie durch regenerierbare Energiequellen, der Aufbau einer emissionsfreien Kreislaufwirtschaft. Zwar gibt es hier und da neue Dienstleistungen, die das Leben erleichtern, alte Dienstleistungen, die ausgeweitet werden können und sollten. Dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, steht somit nicht zu befürchten. Aber ein Großteil der neuen Dienstleistungsarbeit wird (z. B. via Internet) auf den Konsumenten verlagert und fällt damit als Erwerbsquelle aus. Und Rationalisierung und Automation schreiten ungebremst fort. Vollbeschäftigung durch Wirtschaftswachstum allein bleibt auch in der Perspektive der neuen Dienstleistungsgesellschaft eine Chimäre. Es geht nicht ohne Arbeitszeitverkürzung.

Allerdings greifen die alten Regelarbeitszeiten in vielen Bereichen der modernen Güter- und Dienstleistungsproduktion nicht mehr. Neue Formen der Arbeitszeitverkürzung müssen in Zukunft eine größere Rolle spielen: Sabbatregelungen, bezahlte Auszeiten für Familienarbeit, Gemeinwesenarbeit und Weiterbildung, Arbeitszeitkonten, Teilzeitarbeit und Jobsharing.

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Teil II: Die neue Humanisierung der Arbeitswelt. 




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