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Artikel von P. Pinzler

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Petra Pinzler

Petra Pinzler

ist Journalistin bei der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Wie die Berliner Politik das Glück entdeckt

von Petra Pinzler am 16. Oktober 2011

Petra Pinzler hat für ihr Buch „Immer mehr ist nicht genug“ mit Politikern über Glück gesprochen. Sie hat gefragt, warum Politiker so selten über Glück reden. Und was die Politik dafür tun kann, damit Menschen zufriedener leben.


„Glück? Als er das Wort hört, seufzt der Politiker tief. „Wenn ich damit bei meinen Wählern ankomme, dann lachen die mich doch aus.“ Das täten die sowieso schon viel zu oft. Er müsse sehr vorsichtig sein, dürfe den Mund nicht zu voll nehmen. Würde er öffentlich darüber reden, dass er die Menschen glücklicher machen wolle, dann hielten die ihn wahrscheinlich für größenwahnsinnig. Oder für anmaßend, denn in den Lebensstil der Leute einmischen, das ginge nun wirklich nicht. In der Politik müsse man realistisch bleiben. Die allerwichtigste Regel sei: „Sie müssen wie ein Macher wirken, nicht wie ein Träumer." Glück sei etwas für Träumer.

Der Mann ist lange dabei und weit gekommen. Und er will, dass das auch so bleibt. Deswegen redet er an diesem Abend an der Bar zwar ganz offen, doch erst nachdem klar ist, dass das Gespräch anonym bleibt. Das ist üblich so in Berlin, öffentliche Selbstreflexion und Wählerkritik sind Gift für die Karriere. Und da es in diesem Fall auch nicht wichtig ist, wer spricht, sondern was gesagt wird, belassen wir es dabei. Weil die Worte so typisch sind. Weil viele andere ähnlich reden, natürlich auch anonym. Von großen Veränderungen oder einer guten Gesellschaft träumen und davon, was Menschen von der Politik wirklich für ein erfülltes Leben brauchen – da lachen die meisten nur trocken. Die Mehrheit der Politiker hing solchen Traumtänzereien nie nach oder hat sie längst aufgegeben. Und die wenigen anderen geben sie nur widerstrebend zu und dann auch nur, wenn man sich schon länger kennt.

(...)

Quer durch Parteien und Strömungen fressen sich jedenfalls die Sorgen. Denn dort wissen die klügeren Strategen längst, dass die Antworten der Politik nicht überzeugen. Die Wachstumsdebatte ist da exemplarisch, weil sie alle Zweifel zusammenbindet: Wirtschaftswachstum macht die Menschen nicht glücklicher, aber ohne können wir eben auch nicht. Wir wissen, dass das Gefühl von Gerechtigkeit mit der Verteilung des Wohlstands in unserer Gesellschaft zusammenhängt, aber längst nicht nur. Wir wollen natürlich mehr Lebensqualität, aber an den alten Dogmen vom Wohle des Wettbewerbs und der Effizienz nicht rühren. Solche Dilemmata rütteln an den Grundfesten unseres Landes, weil sie die Rezepte aller Parteien in Frage stellen, egal ob bei Union oder SPD, Grünen, FDP oder der Linken. Bisher antworten alle Parteien mit der Hohlformel von der Nachhaltigkeit – und tun so, als ob wir nur alles grün anstreichen müssen, und gut ist’s. Dabei ändert sich dadurch nichts, im besten Fall ist das erst ein Anfang.

Seit ein paar Monaten lädt das »Progressive Zentrum« in Berlin eine ganze Reihe von Denkern, Politikern, Gewerkschaftlern und Strategen, die politisch irgendwo zwischen rot und grün anzusiedeln sind, zu regelmäßigen Debatten ein. Nicht alle sind Mitglieder in Parteien, aber sie sind nah dran an der Politik, und alle wollen Deutschland verändern. Doch genau damit beginnt ihr Problem. Sie alle suchen nach den notwendigen Bedingungen für eine lebenswerte Gesellschaft. Sie sehen, dass die Politik anders als bisher über die Lebensqualität der Menschen sprechen muss. Sie alle haben zugleich Angst, mit dem Stempel »dagegen« oder »utopisch« versehen und ins politische Aus geschickt zu werden.

Aber stellen wir uns nur für einen Augenblick vor, dass diese Denker öffentlich darüber sprächen, was für sie eine glückliche Gesellschaft ausmacht – über das Gefühl, dass „die da oben“ nichts mehr mit „uns da unten“ zu tun haben und die Gesellschaft immer mehr auseinanderbricht. Darüber, dass die Wirtschaftspolitik wenig mit der umweltgerechten Sicherung der Zukunft zu tun hat und die Sozialpolitik sich viel zu viel ums Geld und viel zu wenig um ein gutes Leben kümmert. Stellen wir uns vor, sie fragen ganz simpel: Welche Gesetze haben in den vergangenen zwei Jahren dazu geführt, dass Menschen hierzulande ein vergleichsweise glückliches Leben führen können? Welche politischen Entscheidungen haben die Chancen der kommenden Generation verbessert?

(...)

Dabei geht es nicht einmal um eine Revolution. Es geht nur um das Ernstnehmen der anderen Wertigkeiten. Um den Ausbau vieler kleiner Errungenschaften, mit denen das Land den Wandel längst begonnen hat. Schaut man auf die Ergebnisse der modernen Glücksforschung, auf all die Umfragen und Studien unterschiedlichster Art, blickt man nach Bhutan, nach Mannheim und Arnsberg – die Antworten ähneln sich quer durch die Kulturen. Die Wünsche der Menschen gehen nicht ins Unermessliche. Es geht ihnen um Gesundheit, einen gewissen Wohlstand, eine Familie, eine sichere und saubere Umwelt, einen Job und Teilhabe an der Demokratie. Um das glaubhafte Versprechen, das jeder in dieser Gesellschaft etwas werden kann. Um lebenswerte Städte. Um Mitbestimmung. Und das alles nicht nur für uns und heute, sondern auch für die nächste Generation. Das klingt so bekannt, dass es fast banal wirkt. Warum nur findet die große Politik dafür nicht die richtigen Worte? Warum hält sie Wachstum immer noch für einen Teil der Lösung und nicht für einen Teil des Problems?

(...)

An Ideen und Ratgebern mangelt es nicht. Die Bundesregierung könnte ihren eigenen Beiräten zuhören, doch auch aus dem Ausland kommen Ideen. Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat beispielsweise viele neue Vorschläge gemacht, wie Politiker, Wirtschaft und Bürger die Allgemeingüter weltweit klüger und besser verwalten könnten. Hierzulande ist sie mit ihrer Forschung indes kaum bekannt. Hätte der Wirtschaftsminister Ostroms Arbeiten gelesen, würde er, statt immer nur über Wettbewerbsfähigkeit zu sprechen, auch mal die Worte »Lebensqualität« oder »Allgemeingut« in den Mund nehmen. Denn darum geht es doch beim Wirtschaften auch, oder? Die Beispiele, wie er das fördern könnte – in Ostroms Buch tauchen sie überall auf, gedacht von Idealisten, umgesetzt von Vorreitern und Machern.

Interessant für die große Politik ist: Eine echte Debatte über Glück und Wachstum läuft quer durch alle Parteien. Sie ist nicht links, nicht rechts, sie treibt ihren Keil in jede Partei. Die Glücksforschung und ihre Ergebnisse sind ideologiefrei. Wenn deren Umfragen ergeben, dass für Menschen Gesundheit, Bildung und Familie wichtig sind, sie offensichtlich durch einen Zuwachs an Materiellem nicht glücklicher wer- den und das Wachstum im Gegenteil ihre Lebensqualität durch die dauerhaften Umweltschäden sogar verschlechtert, dann muss man dieses Ergebnis erst einmal hinnehmen. Und man kann daraus, je nach ideologischer Ausrichtung, Rückschlüsse für die eigenen politischen Entscheidungen ziehen. Da mag die SPD die Wachstumsdebatte als Chance nutzen, über Gerechtigkeit neu zu diskutieren. Der CDU könnte sie ein neues Fenster zum ganzheitlicheren Umgang mit der Wirtschaft eröffnen. Und die FDP hätte eine Basis, um ihre so auf die Ökonomie reduzierte Debatte über die Grundbedingungen von Freiheit neu zu befruchten.

Die SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe hofft, dass ihre Enquete-Kommission bald lauter im Land verkünden kann, was echter Fortschritt und Wohlstand sind und Deutschland so beflügelt. „Wir brauchen die Diskussion über die nachhaltige Gesellschaft“, fordert der CDU-Politiker Klaus Töpfer. Und bei den Grünen sagt Jürgen Trittin heute: „Wir müssen neu über den Zusammenhang von Wachstum, Effizienz, Suffizienz und Glück nachdenken.“ All dies ist zunächst weder konservativ noch progressiv, doch die jeweiligen Maßnahmen und Entscheidungen, die sich daraus ergeben, können es sein – wenn die Politik denn zu suchen begänne. Und vielleicht würden es die Wähler ihnen sogar hoch anrechnen, gäben die Politiker mitunter auch die eigene Unsicherheit zu. Was wäre denn gewesen, wenn die Bundesregierung nach dem Unglück in Fukushima ganz offen gesagt hätte: „Wir haben einen Fehler gemacht. Wir haben erst vor kurzem die Laufzeit für die Atomkraftwerke verlängert. Das war falsch. Deswegen haben wir sie nun wieder verkürzt. Weil wir gelernt haben.“ Stattdessen gebärdeten sich vor allem die Unions-Politiker, als hätten sie nie etwas anderes gewollt als den Ausstieg. Und wundern sich zugleich, dass Politik an Glaubwürdigkeit verliert.“

Dieser Text ist ein Auzug aus Petra Pinzlers Buch "Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück", erschienen im Pantheon Verlag, München 2011.




1 Kommentare:

W. Horbach

W. Horbach am 12. November 2011 um 11:27 Uhr

Ich lese gerade Ihr Buch und finde das sehr interessant und gut recherchiert. Ich kenne die Zurückhaltung der Politiker bei dem Thema "Glück" nur allzu gut. Ich suche eine Stadt, die das Glück für Ihre Bürger konkret machen möchte (http://www.innovativ-in.de/stadt-lebensfreude-gluecksgefuehl-stueck-gluecksforschung-die-teilnehmer-_id1843.html). Dazu bekomme ich viel Lob von vielen Seiten. Aber ein Bürgermeister, der die Sache jetzt mal anpacken will, war noch nicht dabei.

Ich glaube, wir müssen noch eine Menge Aufklärungsarbeit treiben.