0 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von S. Bluth

Archiv: Alle Artikel

Stefanie Bluth

Stefanie Bluth

arbeitete bis Sommer 2012 in der Population Unit der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa u.a. an politischen Konzepten, die die Konsequenzen des demographischen Wandels betreffen. Seitdem ist sie als freie Autorin tätig.

Was lange währt

von Stefanie Bluth am 29. November 2012

Ein alterende Bevölkerung als Chance für den Arbeitsmarkt? Für eine erfolgreiche Entwicklung sind vor allem Maßnahmen nötig, die früh in der sozialen Entwicklung greifen. Ein Beitrag zum Demographie- und Wachstumskongress des Fortschrittsforums.


Die bevorstehende Bevölkerungsalterung bedeutet für die Nachhaltigkeit des deutschen Arbeitsmarktes nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Um dem Prozess der politischen Auseinandersetzung mit dem Thema "Bevölkerungsalterung" neue Signalkraft zu verleihen, hat die Europäische Kommission auf Wunsch ihrer Mitgliedstaaten 2012 zum Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen erklärt.

Auch die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa hat im September 2012 eine Ministerkonferenz mit dem Motto: "Eine Gesellschaft für alle Lebensalter: Förderung der Lebensqualität und des aktiven Alterns" veranstaltet. Eine brauchbare Definition des Konzeptes des aktiven Alterns wurde hierzu von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt: "Aktives Altern ist der Prozess der Optimierung von Chancen für Gesundheit, Teilhabe und Sicherheit, um die Qualität des Lebens für Menschen im Alter zu verbessern. Es gilt sowohl für Einzelpersonen als auch Bevölkerungsgruppen".

Argumentiert wird, dass eine konsequente Umsetzung des Konzeptes "Aktives Altern" als Chance für ein Neuüberdenken der arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen und Instrumente in der demographischen Krisensituation sein kann. Das Konzept des aktiven Alterns zielt darauf ab, ein Paradigma zu etablieren, bei dem das Wohlbefinden des Einzelnen auch zur Stabilität einer ganzen Gesellschaft beiträgt. Die Besonderheit, aber auch die Komplexität des Konzeptes, liegt ihn seiner Interdisziplinarität sowie der Berücksichtigung eines Lebenslauf-, Gender- sowie generationenübergreifenden Ansatzes. Diese zielen darauf ab, die Gerechtigkeit zwischen verschiedenen Altersgruppen und Geschlechtern zu verbessern und Solidarität und Zusammenhalt zwischen Generationen zu stärken.

Gegeben, dass das Konzept auf internationaler Ebene politisch angestoßen wurde, ist es nötig festzustellen, inwiefern die Bundesregierung - zunächst auf Grund der demographischen Notwendigkeit - Unternehmungen angestrebt hat, das Konzept des aktiven Alterns in der Arbeitsmarktpolitik umzusetzen.

Die Bedeutung von Bildung und der Vereinbarkeit von Beruf und Pflegeaufgaben für einen aktiven Alterungsprozess sowie für die Teilhabe am Arbeitsmarkt scheint zwar mittlerweile weitgehend anerkannt, dennoch besteht immer noch Handlungsbedarf. Das deutsche Bildungssystem bietet zwar eine große Bandbreite an schulischen, und auch beruflichen Bildungsangeboten an, dennoch scheint der Zugang zu Bildung vor allem in frühem Alter durch soziale Faktoren beeinträchtigt; eine Tatsache, die seine Auswirkungen auch auf die Wahrnehmung von Bildungsangeboten in höherem Alter zeigt. Der Grad der Bildung hat statistisch gesehen im Lebensverlauf ebenfalls Auswirkungen auf den Gesundheitszustand und das Risiko, arbeitslos zu werden. Um langfristig die Arbeitsressourcen älterer Arbeitnehmer effektiv einsetzen zu können, ist unter Berücksichtigung der Technisierung und der Internationalisierung des Arbeitsmarktes ein lebenslanges Lernen erforderlich.

Um Menschen für einen Lebensstil des lebenslangen Lernens gewinnen zu können, erfordert es bereits eine frühe Investition in die Bildung von Kindern und Jugendlichen, z.B. durch eine Verlängerung der Grundschulzeit, durch eine personelle Aufstockung mit Sozialarbeitern in allen Schulformen, sowie eine Verkleinerung von Schulklassen.. Um eine Kostenübernahme dieser Verbesserungen langfristig sichern zu können, ist es wichtig, eine nachhaltige und gerechte Haushaltsplanung zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufzustellen.

Auch im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familienaufgaben sind Fortschritte vor allem im Bereich der Quantität der Betreuungsinfrastruktur erzielt worden. Durch die Einführung eines gesetzlichen Anspruches auf Kinderbetreuung ab dem 1. Lebensjahr des Kindes wurde die Vereinbarung von Beruf und Kindererziehung erleichtert, durch die Einführung der Familienpflegezeit die Vereinbarung von Beruf und Pflegeaufgaben.

Handlungsbedarf besteht weiterhin in der Verbesserung der Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen, bei der z.B. eine flächendeckende Qualitätsevaluierung von Kinderbetreuungseinrichtungen konkrete Hinweise geben könnte. Die Entlastung von Eltern in der Kindererziehungsphase sollte sowohl im Zentrum des öffentlichen Interesses als auch im Interesse von privaten Unternehmen stehen. Nicht nur, dass ein familienfreundliches Arbeitsklima dazu beiträgt, dass sich junge Familien eher für (mehr) Kinder entscheiden, sondern die Eltern bleiben den Unternehmen dadurch auch als qualifizierte Arbeitskräfte erhalten. Des Weiteren trägt ein familienfreundliches Arbeitsklima, z.B. durch flexible Arbeitszeiten, dazu bei, dass Überlastungen (und den damit verbundenen physischen und psychischen Erkrankungen) vorgebeugt wird; und somit Arbeitnehmer auf die Lebenslänge hin betrachtet eine längere Zeit motiviert und gesund arbeiten können.

Während eine Investition in Bildung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine langfristige Investition in ein aktives Alter darstellen, gibt es auch Maßnahmen, die gezielt für eine ältere Arbeitnehmerschaft konzipiert wurden. Die Einführung einer Gesetzgebung gegen Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz war möglicherweise eines der erfolgreichsten Umsetzungen in der umfassenden Strategie des aktiven Alterns. Allerdings erfordert die Frage, inwiefern sich die Leitbilder zum Thema "Altern" ändern tiefgreifende gesellschaftliche Umdenkungsprozesse. Maßnahmen, die das Gesundheits- und Age-Management betreffen, haben durch eine Verbesserung des Arbeitsschutzgesetzes und eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements eine Grundlage zur Erhaltung der Gesundheit am Arbeitsplatz geleistet. Auch die Vereinbarkeit des aktiven Alterns mit dem Renteneintritt hat durch das deutsche Rentensystem vermehrt an Flexibilität gewonnen. Es besteht - zumindest in den meisten Sektoren - sowohl die Möglichkeit auch noch nach dem Regelrentenalter zu arbeiten als auch vor dem Regelrentenalter durch Altersteilzeit den Renteneintritt flexibel und bedürfnisgerecht zu gestalten.

Der hoffnungsvolle Ausblick des Konzeptes des aktiven Alterns als mögliche Chance für den demographischen Wandel besteht darin, das per Definition eine starke Betonung auf dem Wohlbefinden des Individuums liegt. Diese Betonung setzt voraus, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen des demographischen Wandels nicht lediglich durch Arbeitnehmer der unteren und mittleren Einkommensschichten geschultert werden können, sondern das politische Akteure dazu aufgefordert sind, soziale Einkommensverteilungen gesamtgesellschaftlich solidarisch neu zu überdenken.

Die Förderung der aktiven Arbeitsmarktteilhabe im Konzept des aktiven Altern soll nicht durch die durch Altersarmut bedingte Notwendigkeit zum Arbeiten im hohen Alter motiviert sein, sondern lediglich der Integration - falls vom Individuum erwünscht - dienen. Hierfür sind die Bekämpfung von Erwerbsarmut im mittleren Lebensalter, sowie eine Neureflektierung der Finanz- und Haushaltpolitik in Bezug auf eine gerechtere Verteilung zwischen unterschiedlichen Einkommensschichten, sowie eine nachhaltigere Koordinierung zwischen den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen unabdingbar, damit verantwortliche Stellen nötige sozialpolitische Maßnahmen langfristig schultern können.




0 Kommentare:

Bisher keine Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.