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Artikel von A. Bührmann

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Andrea Bührmann

Andrea Bührmann

lehrt am Institut für Soziologie der Universität Göttingen. Sie ist Mitglied der Abteilung Arbeit Wissen und Sozialstrukturanalyse. 

Normal war gestern. Teil 2.

von Andrea Bührmann am 01. Juni 2012

Das sogenannte Normalbeschäftigungsverhältnis ist längst nicht mehr normal. Vorsorgende Politik muss sich auf Übergänge konzentrieren. Im zweiten Teil schlägt Andrea Bührmann konkrete Politikansätze vor, um diesen veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen.


Konsequenzen für eine innovative Weiterentwicklung der bestehenden Sozialsysteme

Um diese Herausforderungen zu meistern, reicht es nun nicht, die bestehenden Sozialsysteme an einzelnen Punkten auszubessern. Vielmehr bedarf es ihrer innovativen Weiterentwicklung im Sinne einer 'sozialen Lebenslaufpolitik', die sich politikfeldübergreifend auf den gesamten Lebenslauf bezieht und so Optionen für eine selbst- und mitverantwortliche sowie - aus sozialpolitischer Sicht - möglichst risiko- und problemfreie Gestaltung des eigenen Lebenslaufs eröffnet. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die vermehrten Übergänge infrastrukturell, finanziell und rechtlich besser und - vor allen Dingen - nachhaltig abzusichern.

Menschen soll es möglich sein, gelingende Übergänge und Phasen in 'turbulenten' Lebensläufen unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit, ethnischen und sozialen Herkunft, ihrem Alter, ihrer körperlichen Verfassung, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung sowie sexuellen Orientierung zu leben.

Dieses übergeordnete Ziel soll im Folgenden an drei zentralen Feldern konkretisiert werden:

  • In Bezug auf das Feld Ausbildung/Bildung und mit Blick auf das Lebenslange Lernen sollten wir grundsätzlich neu über die Bewertung unterschiedlicher Arbeits- und Berufsbiographien nachdenken. Es geht darum, die soziale Mobilität im Allgemeinen zu erhöhen, aber auch für den einzelnen stärkere Anreize zum lebenslangen Lernen zu geben. So sollten diejenigen, die freiwillig an einer Weiterbildungsmaßnahme teilnehmen oder Arbeitslosengeld beziehungsweise Übergangsgeld beziehen (§5 I Nr. 2 SGB V), den Schutz von Kranken- wie Arbeitsversicherungen genießen. Auch sollte das Übergangsmanagement zwischen den unterschiedlichen Bildungssystemen optimiert werden . Es besteht ein erheblicher Reformbedarf des deutschen Bildungs- und Beschäftigungssystems, um vertieften sozialen Spaltungen einerseits und einem drohenden Fachkräftemangel andererseits entgegenzuwirken. Eine zentrale Hürde liegt dabei im "deutschen Bildungs-Schisma", das die besondere institutionelle Segmentierung von Allgemein- und Berufsbildung begründet. Es gilt daher, die dauerhafte wechselseitige Abschottung der Bildungsbereiche aufzubrechen. Denn bislang folgen die höhere Allgemeinbildung sowie die Berufsbildung jeweils eigenen institutionellen Ordnungen, deren Wurzeln in der vorindustriellen Gesellschaft liegen und die sich nach Lernzielen, Finanzierung und Organisation fundamental voneinander unterscheiden. Neben dem Ausbau der Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung muss die Berufs(aus)bildung deutlich breiter angelegt werden und die Integration von Allgemein- und Berufsbildung verwirklicht werden. Dies kann nur erfolgreich sein, wenn auch eine konsequente Umsetzung in den Teilbereichen des Berufs- und Beschäftigungssystems, etwa in der Lehrplangestaltung in den Schulen sowie in den Tarifverdienstordnungen, erfolgt.
  • In Bezug auf den Bereich Familie/Pflege/Betreuung dürfen die Phasen der Sorgearbeit nicht zu biografischen Sackgassen oder dauerhaften Abhängigkeiten führen und so die Alterssicherung gefährden. Hier geht es darum, dass z.B. bei Personen, die vor der Elternzeit arbeitslos gewesen sind, auch der frühere Verdienst und nicht eine oft wesentlich niedrigere 'fiktive Bemessung' des Arbeitslosengeldes zu Grunde gelegt wird. Zudem sollten etwa Weiterbildungsmaßnahmen auch berufsbegleitend oder in Teilzeit verstärkt angeboten werden, so dass Personen mit Familienpflichten besser gefördert werden. Im Hinblick auf eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Betreuung von (Klein-)Kindern und/oder pflegebedürftigen Angehörigen stellt der in der deutschen Wirtschaft verbreitete 'Präsentismus', also die ausgeprägte Anwesenheitskultur, eine der größten Hürden dar. Schließlich müssen flexible Instrumente geschaffen werden die es Beschäftigten ermöglichen, akute Betreuungssituationen zu überbrücken bzw. helfen, mit ihrer Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Insgesamt hat bei der Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie/Pflege und Beruf der Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur für Klein- und Schulkinder weiterhin oberste Priorität, wobei das Thema flexible Arbeitszeiten an Bedeutung gewinnt - insbesondere im Hinblick auf den Bereich Pflege. Ein Ansatz wäre zum Beispiel eine "Große Familienteilzeit" oder auch "Kleine Familienvollzeit". Im Rahmen eines solchen Modells könnten Eltern mit kleinen Kindern beide gleichzeitig ihre Arbeitszeit auf bis zu 30 Stunden reduzieren, wobei ein Teil der Einkommensverluste über die Solidargemeinschaft (Arbeitsagentur oder steuerfinanziert) ausgeglichen würde. Mütter würden so nach der Elterngeldphase nicht in kleine Teilzeit gezwungen; Väter nicht in überlange Arbeitszeiten. Genauso wichtig ist es, Modelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege älterer Angehöriger zu entwickeln. Bislang wird die Pflege älterer Menschen zu einem großen Teil privat und unbezahlt von Frauen geleistet, die dafür oft ihren Beruf aufgeben und sich in die Gefahr begeben, im Alter in Armut zu leben. Ein zeitgemäßes Sozialsystem muss die Aufgabe lösen, die Verantwortung für die Sorge für eine größer werdende Zahl Pflegebedürftiger neu zwischen Männern und Frauen und zwischen Familie und Gesellschaft auszutarieren.
  • In Bezug auf Erwerbstätigkeit/-losigkeit ist vor allen Dingen der Wandel der Beschäftigungen rechtlich und finanziell abzusichern und als integraler Bestandteil eines guten und gelingenden Lebens anzuerkennen. Dabei ist es zum Beispiel nicht nur wichtig, ein Recht auf Weiterbildung und entsprechende Freistellungsregelungen zu implementieren, sondern flankierend auch entsprechende Beratungsangebote sowie regionale Qualifizierungsnetze einzurichten. Kurz, es geht darum die Arbeitslosenversicherung zu einer 'Arbeitsversicherung' weiterzuentwickeln. Dazu müssen neue arbeits- und sozialrechtliche Instrumente zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit ausgehend von den bestehenden gesetzlichen Regelungen und Institutionen konzipiert und implementiert werden. Schließlich sollten Selbstständige verstärkt in die bisher bestehenden Rentenversicherungssysteme der Erwerbstätigen integriert und abgesichert werden.

Dieser Text ist unter Mitarbeit von Sebastian Hübers entstanden. 

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Normal war gestern. Teil 1. In diesem Teil analysiert die Autorin die Ausgangslage in Deutschland. 

Hier gibt es den vollständigen Text als .pdf mit allen Literaturverweisen zum download. 

 




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