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Artikel von M. Neufeind

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Max Neufeind

Max Neufeind

ist Arbeitspsychologe am Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich.

Jenseits der Happiness-Plattitüde

von Max Neufeind am 19. März 2012

Wie kann Politik auf die Subjektivierung der Arbeitswelt reagieren? Mit dem Verweis auf persönliche Zufriedenheit ist es nicht getan. Eine Politik des Arbeitslebens muss Freiheit ermöglichen und absichern. Und neu über die Anerkennung des Arbeitnehmers als Bürger nachdenken.


Arbeit ist wieder en vogue. In den Feuilletons und als gesellschaftspolitische Debatte. Die ZEIT hat sich in den vergangenen Monaten intensiv an der Diskussion um „Burnout“ beteiligt, die Süddeutsche Zeitung hat sich im vergangenen Jahr in einer größeren Reihe der „Zukunft der Arbeit“ gewidmet. Es scheint ein großes Bedürfnis danach zu geben, den alltäglich erlebbaren, aber oft schwer zu fassenden Wandel der Arbeitswelt begreifbar und verstehbar zu machen.

Auch im Fortschrittsforum gibt es Diagnosen zum Zustand der Arbeitswelt. Dabei lassen sich zwei zentrale Beobachtungen ausmachen: Zum einen die Entgrenzung von Arbeit. Der gesellschaftliche Dualismus einer Welt der Arbeit und einer Welt der Freizeit, wie wir ihn in Deutschland seit den 1920er Jahren kennen, in der Arbeitskraft und Subjekt, Maloche und Schrebergarten von einander getrennt sind, beginnt zu verschwimmen. Die Arbeit ist im Leben angekommen und das Leben in der Arbeit, schreibt Gerhard Wegner.

Zum anderen sieht sich der Einzelne mit der Anforderung konfrontiert, den Sinngehalt seines Arbeitslebens selbst zu entwerfen und zu gestalten. Johano Strasser spricht über den Sinn, den wir uns aus der Arbeit machen (müssen), Daniela Kolbe von „sinnstiftenden Tätigkeiten“. Wer heute in Deutschland ein Gymnasium oder eine Universität verlässt, wird mit Blick auf seine Erwerbsarbeitskarriere deutlich weniger als noch vor 20 Jahren abschätzen können, wann er wo welcher Tätigkeit nachgehen wird. Er muss nicht nur selber bestimmen, welchen Sinngehalt seine Tätigkeit hat, sondern muss diesen, entlassen in die Ambivalenz wachsender Optionsspielräume, zunehmend auch selbst gestalten.

An diesen beiden Phänomenen wird ein Wandel der Arbeitswelt deutlich, der sich vielleicht am besten mit dem Begriff der Subjektivierung beschreiben lässt. Subjektivierung verstanden als Individualisierung der Ansprüche des Mitarbeiters an das Unternehmen, als subjektbezogene Gestaltung von Arbeit und Anreizsystemen. Zugleich aber auch als Anspruch des Unternehmens auf eine subjektive Arbeitsleistung, die die ganze Person des Mitarbeiters, einschließlich seiner Persönlichkeit, seiner Emotionalität, nutzbar macht.

Wenn also die Eingangs beschriebenen Erschöpfungserscheinungen – Stichwort Burnout – auch vor dem Hintergrund dieser Subjektivierung der Arbeitswelt zu verstehen sind, stellt sich die Frage: Welche Begriffe und Gestaltungsmaßnahmen stehen einer Politik der Arbeitslebens zur Verfügung, um diesen Nebenwirkungen ökonomischer und technologischer Entwicklung zu begegnen?

Unter einer Politik der Arbeitswelt verstand man mal die „Humanisierung des Arbeitslebens“. Die arbeitswissenschaftliche Forschung wie Praxis hat diese Humanisierung in erster Line als ein technisches Problem begriffen und angenommen, man könne es mit Arbeitsschutzmaßnahmen lösen. Untersuchungen zur Arbeitszufriedenheit und Gesundheit deutscher Arbeitnehmer zeigen aber, dass diese Versprechen nur teilweise eingelöst wurden. Kurz: Ergonomische Bürostühle machen noch keinen erfüllten Arbeitsplatz.

Insofern ist es richtig, wenn die im Fortschrittsforum geäußerten Überlegungen die Politik der Arbeitswelt stärker an der individuell erlebten Lebensqualität des Einzelnen ausrichten wollen. Gerhard Wegner etwa spricht davon, dass der Arbeitnehmer in der subjektivierten Arbeitswelt für den Umgang mit der neugewonnenen Freiheit vorbereitet werden müssen. Hier sieht er, und dass ist durchaus neu, eine Rolle für Gewerkschaften in gerade dieser Funktion, nämlich als Life-Coachs ihrer Mitglieder. Jeanette Behringer und Johano Strasser betonen das Potential zur Sinnerfüllung und Lebenszufriedenheit jenseits des Standardlebenslaufes und in der zivilgesellschaftlichen Eigentätigkeit.

In der Tat tut man gut daran, den Entwicklungstand einer Gesellschaft auch daran zu bemessen, wie viel Kultur- und Beziehungszeit sie ihren Mitgliedern zugesteht. Wie zufrieden jeder Einzelne mit seinem Leben, dem Verhältnis zwischen Arbeit, Familie und Freizeit, und schließlich der Verteilung des Tätigseins über den Lebensverlauf ist. Arbeits- und Sozialpolitik ist nur dann fortschrittlich, wenn sie Beschäftigungszahlen, zivilgesellschaftliches Engagement und psychosoziale Gesundheit gemeinsam denkt, wenn sie also zu einer Politik des Arbeitslebens wird.

Allerdings darf sich eine Politik des Arbeitslebens nicht auf die Forderung nach Zufriedenheit beschränken. Denn die Subjektivierung der Arbeitswelt ist in ihrem Kern ambivalent und in ihren Auswirkungen komplex. Der Grad zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung ist sehr schmal. Genau hier zeigt sich, dass die Messung der Zufriedenheit allein noch keine umfassende Diagnose der Arbeitswelt erlaubt: Immer mehr Arbeitnehmer, gerade die jungen, gut ausgebildeten, berichten zwar eine relativ hohe Zufriedenheit mit ihrer Tätigkeit. Sie klagen aber gleichzeitig über Belastungserscheinungen, emotionale Erschöpfung und die Unsicherheit des Arbeitsplatzes.

Daher muss eine Politik des Arbeitslebens eine Repolitisierung der Debatte über Arbeitsbedingungen forcieren. Sie muss eine Politik des Arbeitslebens sein. Entscheidend ist dabei, ein Vokabular jenseits der Happiness-Plattitüde zu finden, um die Forderungen einer fortschrittlichen Politik des Arbeitslebens überhaupt formulieren zu können.

Ein Ausgangspunkt ist hier der Begriff der Freiheit, wie ihn Gerhard Wegner anführt. Die Subjektivierung des Arbeitslebens bietet ein Potential zur Emanzipation und zum Sinnerleben in der Arbeit. Selbst zu entscheiden, wann ich wo mit wem arbeiten möchte, ist zuallererst ein Fortschritt. Zugleich läuft der Begriff aber dann Gefahr gesellschaftliche Pathologien zu erzeugen, wenn wir ihn zu eng verstehen. Wenn etwa die Freiheit des Arbeitskraftunternehmers sich auf die individuelle Vergütung in direkter Relation zur eigenen Leistungserbringung beschränkt. Freiheit muss, für den Unternehmensberater wie den Ein-Euro-Jobber, auch die Freiheit einschließen, zu bestimmten Tätigkeiten nein sagen zu können. Wann wer diese Freiheit genießt, muss gesellschaftlich neu ausgehandelt werden.

Wir wissen aber auch, dass das emanzipatorische Potential der subjektivierten Arbeit im Zweifel nur für die gilt, die über die entsprechenden sozialen Ausgangsbedingungen verfügen. Es braucht also zudem eine Freiheit zu sinnhafter Arbeit als Form gesellschaftlicher Anerkennung. Was ist damit gemeint? Stärker als etwa in skandinavischen Ländern teilt sich die deutsche Arbeitswelt in zunehmendem Maße in einen Kern der abgesicherten Standardarbeitsbeziehungen mit relativ ganzheitlicher Tätigkeitsgestaltung und eine Peripherie der prekären Resttätigkeiten. Eine Politik des Arbeitslebens muss sich daher über die Lohn- und Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsplatz hinaus einer Idee der Anerkennung des Arbeitnehmers als Bürger verpflichten, die diesen Dualismus des Arbeitslebens adressiert.

Dazu braucht sie sich nicht auf unternehmerische Corporate Social Reponsibility zu verlassen, sondern kann sich vielmehr auf zwei einfache Prinzipien der Verteilung von Arbeits- und Konsummöglichkeiten berufen. Diese lassen sich, wie Axel Honneth zeigt, direkt aus der normativen Bedingtheit einer kapitalistischen Marktordung ableiten: Erstens, jeder Bürger muss mit seiner Arbeit einen individuell erlebbaren Beitrag zum Gemeinwesen leisten können. Zweitens, er muss dafür zugleich eine lebensunterhaltsichernde Vergütung erfahren. Diese Prinzipien in die konkrete Umgestaltung unseres Arbeitslebens zu übersetzten, wird eine der großen Herausforderung der kommenden Jahre sein. Und hierbei ist klar: Ohne die Mitbestimmung der durch diese Gestaltung betroffenen, also aller arbeitstätigen Bürger, kann dies nicht gelingen. 




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