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Artikel von B. Schwentker

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Björn Schwentker

Björn Schwentker

ist freier Demografie- und Datenjournalist in Hamburg. Er bloggt unter www.demografie-blog.de 

Hundert Jahre Glück

von Björn Schwentker am 07. März 2012

Wir haben das Glück vor Augen und sehen es nicht. Nehmen wir die Rente mit 67. Für manche gilt sie als Ende der sozialstaatlichen Menschlichkeit, als unzumutbarer Irrsinn. Dabei ist das, was dahintersteckt, wirklich ein Glück: ein immer längeres und gesünderes Leben.


Ich empfehle ein Experiment: Sagen Sie einmal laut die Wahrheit: Dass es bei der Rente mit 67 natürlich nicht bleiben wird, sondern dass die Altersgrenze in Zukunft selbstverständlich mit der Lebenserwartung weiter steigen wird. Und dass das zum Wohl nicht nur der sogenannten Alten sondern der ganzen Gesellschaft sein wird, wenn wir es schlau angehen.

Sie werden Beschimpfungen ernten und Zornattacken, sowohl ober- als auch unterhalb der Gürtellinie. Und jede Menge Unverständnis. Dieses Unverständnis zieht sich durch die gesamte Diskussion über den demografischen Wandel. Den betiteln wir - irrtümlich - als "Alterung" der Gesellschaft, und er gilt uns als erdrückendes Problem, als Last. Ein ganzes Land fühlt sich, als stünde es mit dem Rücken zur Wand angesichts einer drohenden demografischen Lawine.

Politische Antworten sind ungebündelt, kurzfristig gedacht und gelten als Abwehrmaßnahmen. Nicht aber als die Basis einer neuen, zukunftsfähigeren und besseren Gesellschaft. Wir diskutieren völlig falsch. Nämlich statisch: Alles dreht sich darum, wie sehr die Alterung für bestehende Systeme, wie etwa die Sozialversicherung, eine Gefahr ist. Was wir brauchen, ist aber eine dynamische Sichtweise: Wie können wir solche Systeme angesichts des demografischen Wandels verändern, um besser leben zu können? Genau das ist die große Chance des demografischen Wandels.

Wir müssen begreifen, wie lang unser Leben ist

Wir haben immer noch nicht wirklich begriffen: Uns erwartet nicht nur ein längeres, sondern auch ein längeres gesundes Leben. Dies ist keine Last, sondern eine der größten Errungenschaften der modernen Zivilisation. Allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um etwa 30 Jahre. Heute erwartet ein hier geborenes Mädchen eine Leben von fast 83 Jahren.

Und dieser statistische Wert geht davon aus, dass sich die gesundheitlichen Bedingungen nicht weiter verbessern. Das ist unrealistisch. Selbst wenn man den Fortschritt konservativ extrapoliert, kommt man zu einem beeindruckenden Ergebnis, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock ausgerechnet haben: Ein heute in Deutschland geborenes Baby hat mindestens eine 50:50-Chance, hundert Jahre alt zu werden. Die Kinder, die heute (heute!) auf den Geburtsstationen liegen, sind bereits die Bürger einer Gesellschaft der Hundertjährigen.

Die Forschung zeigt auch: Mit der Lebensspanne nimmt nicht etwa der Lebenszeit-Anteil in seniler Greisenhaftigkeit zu. Denn grob gesprochen ist ein heute 65-Jähriger so fit wie noch 1970 ein 55-Jähriger (oder ein 75-Jähriger wie ein damals 65-Jähriger). Das Alter wird also immer aktiver und agiler. Und Alte können (und wollen) gesellschaftlich mehr Verantwortung übernehmen als früher. Letztlich ist jemand mit 60 heute gar nicht mehr "alt". Unsere Begriffe stimmen nicht mehr. Mit dieser Einsicht verliert der demografische Wandel sofort eine Menge seines vermeintlichen Schreckens.

Doch was nun? Es gilt, die Tatsache, dass wir immer gesünder alt werden, in handfeste Politik umzusetzen. Es ist überhaupt keine Frage: Dazu gehört, die Pensionsgrenze so lange weiter anzuheben, wie die Lebenserwartung wächst. Nicht vorrangig deshalb, weil ansonsten - ceteris paribus - das Rentensystem zusammenbräche. Viel wichtiger ist, dass eine starre Altersgrenze den Menschen und ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird.

Was wollen die Kinder, die künftig Hundertjährigen?

Wir müssen die Perspektive unserer Kinder annehmen, die der künftig Hundertjährigen. Aus ihrer Sicht ist es geradezu albern, spätestens mit 65 (oder 67, das macht für sie kaum einen Unterschied) aus einer Arbeit auszusteigen, die ihnen Lebenssinn gibt, um für die nächsten 35 (oder 33) Jahre auf einem Altenteil zu sitzen, der ihnen keine berufliche gesellschaftliche Teilhabe mehr erlaubt.

Aber was, wenn die Arbeit vielen gar keinen Lebenssinn gibt (und darum eine Belastung ist, die besser früher als später enden sollte)? Nun, dann ist vielleicht das unser Problem. Nicht aber die Erhöhung des Rentenalters. Wir müssen endlich den kraftzehrenden Blockade-Streit darüber beenden, ob am Ende marginale Änderungen wie die Rente mit 67 überhaupt kommen sollen. Wir werden in diesem Jahrhundert viel mehr verändern als das. Wir müssen endlich ernsthaft darüber reden, wie wir diese Veränderungen gestalten wollen.

Wenn unsere 2012 geborenen Kinder schon sprechen können und immer noch fast 100 Jahre vor sich haben, werden sie nicht nach der Rente fragen. Sie werden fragen: Was will ich mit meinem langen Leben anfangen? Wie will ich die mir geschenkte Zeit aufteilen? Bestimmt nicht mehr so wie bisher. Wir brauchen neue Visionen für dieses lange Leben, müssen beginnen, uns neue Geschichten von einer lebenswerten Zukunft zu erzählen. Hier ein Versuch:

Uns erwartet die Umverteilung der Arbeit

Die traditionelle Aufteilung des Lebens in die drei Abschnitte Lernen - Arbeit - Freizeit wird aufbrechen. Künftig werden wir viel länger arbeiten, dafür aber weniger Stunden pro Woche. Viele werden ihre Arbeit sogar mitten im Leben für Monate oder Jahre ganz aussetzen, um sich anderen Dingen zu widmen. Arbeit, Ausbildung, Freizeit und Zeit für Kindererziehung werden sich im Lebensverlauf stark vermischen. Das bedeutet für jeden der Bereiche nicht weniger als kleine Revolutionen.

Die Wirtschaft wird sich darauf einstellen, die Arbeit besser an den Zeitbedürfnissen der Menschen zu orientieren und Vollzeitjobs in großem Stil in Teilzeitjobs umwandeln. Der Staat flankiert dies durch Maßnahmen wie lebenslange Arbeitszeitkonten und fiskalische Anreize. Die Sozialsysteme basieren nicht mehr fast ausschließlich auf Erwerbsarbeit.

Das Bildungssystem ist in 50 Jahren kaum mehr wiederzuerkennen - im positiven Sinn. Lebenslanges Lernen ist vom Schlagwort zur Realität geworden. Universitäten werden von Menschen jeden Alters besucht, und die Arbeitgeber fordern und bezahlen regelmäßige Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Bildung ist die wertvollste Währung in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt.

Da sich die Arbeitszeit gleichmäßiger über das Leben verteilt, sind die Geburtenraten spürbar gestiegen. Junge Menschen haben wieder Zeit für Kinder. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie am Anfang des zweiten Lebensdrittels ist durch Staat und Wirtschaft inzwischen besser umgesetzt als noch 2012 in Schweden. Dass die Freude an Enkeln und Urenkeln über Jahrzehnte bewusst erlebt werden kann, gibt dem Kinderkriegen eine ganz neue Relevanz.

Die Politik hat begriffen, dass nicht nur die Erfüllung von Kinderwünschen, sondern auch die Verteilung der Lebenschancen eines ganzen Jahrhunderts eine Frage der Gleichberechtigung ist: Frauen und Männer besetzen fast paritätisch Führungspositionen und teilen sich Erwerbs- und Familienarbeit fair auf.

Wir müssen den Wandel wollen

Eine unerfüllbare Vision? Höchstens teilweise. Denn die Menschen in modernen Gesellschaften werden sich nicht dauerhaft daran hindern lassen, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Dazu gehört, wie wir altern und Kinder bekommen, wie wir leben, lieben und arbeiten.

Wenn das Leben selbst sich so stark verändert wie im demografischen Wandel, dann ist ausgeschlossen, dass sich die gesellschaftlichen Systeme einer ebenso grundlegenden Veränderung langfristig widersetzen. Auch wenn die großen Umbrüche dieses Wandels noch vor uns liegen: er hat längst begonnen. Unsere Verantwortung ist nicht, ihn aufzuhalten. Sondern ihn zu formen. Jetzt.




4 Kommentare:

S. Schlebes

S. Schlebes am 09. Mrz 2012 um 00:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Schwentker, ein sehr schöner Artikel. Mit einem sehr schönen Fokus. Und die Persektivfrage ist genau die richtige.
Während meiner Arbeit mit den "älteren" Menschen stellte sich mir jedoch eine Frage: Neben der dringenden Sinnfrage, die in der Tat flächendeckend nicht geklärt ist (außer: Geld verdienen) merke ich gerade in Zeiten der rasanten technischen Innovation: Viele Menschen schaffen es nicht mehr, die neue Art der Wirklichkeitswahrnehmung, die durch die Nutzung neuer Techniken (sozial und technisch) entsteht, nachzuvollziehen. Sie werden schlichtweg abgehängt in einer "alten" Welt, die mit der "neuen" Welt, die jedoch mitten unter uns stattfindet, nicht mehr viel, und wenn dann eben doch wirksam vernetzt, zu tun hat. Früher waren Zeit und Raum feste Konstanten. Das löst sich heute wahrnehmungstechnisch sehr stark auf. Die Wahrnehmungsparzellierung ist eine der größten Herausforderungen, um überhaupt die "Menschen" in einer 4-Generationen-Gesellschaft miteinander ins Gespräch und in Berühung zu bringen. Wie sehen Sie diesen Punkt? Oder spielt das für Ihre Vision keine wesentliche Rolle?


B. Schwentker

B. Schwentker am 12. Mrz 2012 um 12:00 Uhr

Lieber Herr Schlebes,

Ihr Interesse an meinem Artikel freut mich. Ihre Frage klingt spannend und ich würde sehr gerne darauf eingehen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht ganz sicher bin, was Sie meinen.

Was konkret meinen Sie mit Wahrnehmungsparzellierung, und inwiefern finden Sie, dass Sie mit dem Alter zu tun hat? Es wäre toll, wenn Sie auch genauer sagen könnten, welche technischen (und/oder sozialen?) Innovationen Sie meinen und wieso für Sie Zeit und Raum früher feste Konstanten waren, es heute aber nicht mehr sind.

Danke für Ihre Mühe!

Beste Grüße
Björn Schwentker


S. Schlebes

S. Schlebes am 12. Mrz 2012 um 16:01 Uhr

Lieber Herr Schwentker,
vielen Dank für die freundliche Nachfrage.

// Wahrnehmungsparzellierung
Hierunter wollte ich vor allem auf den Trend verweisen, dass die großen Erzählzusammenhänge (klassische Medien usw.) wegfallen und sich jede Person, vielleicht noch jedes Milieu sich seinen eigenen Wahrheitsraum schafft. Das war zwar schon immer so, nimmt jedoch aktuell rasant zu. Unterstützt von der Offline-Online-Kluft der Menschen (vgl. hierzu die Debatten z.Bsp. rund um den Kandidaten Gauck im Web und Offline).

// Alter
Aus meiner eigenen Erfahrung heraus - und damit schränke ich das von vornherein ein - gibt es (vgl. die Sinusstudie zu den Digital Natives) drei große Gruppen von Webnutzern (Kohorten): Absolut Affine mit einem hohen Zeitaufkommen, die Sporadischen und die Abgehängten (und Verweigerer). An unseren jungen Auszubildenden können wir sehen, wie zum Beispiel das Iphone (und damit vor allem das Web) fast schon als Verlängerung des Körpers wahrgenommen und zum Alltag und seiner Bewältigung selbstverständlich eingesetzt wird. Hier gibt es eine vollkommen andere Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Der Raum spielt kaum mehr eine Rolle. Friends sind Friends sind Friends. Ob in Honkong oder im Kiez. Und die Informationen gehen blitzschnell durchs Netz. Und nicht erst langsam durch Redaktionsschleifen. Es kommt aus meiner Beobachtung zu einer situativen Verschmelzung beider Konstanten und der Kommunikationsteilnehmer. Und das führt zu einem anderen Befindlichkeitssystem. Das war schon bei der Gründung der Nationalstaaten zu sehen, dass die technischen Erfindungen wie Eisenbahn, Zeitungen, Telegrafie, Radio usw. einen enormen Einfluss auf die Entwicklung von kulturellen Einheitsgrößen und Lebensselbstverständlichkeiten hatte. Im Positiven wir im Negativen. Und ich glaube, dass wir erst am Beginn dieser Veränderung stehen. Und da frage ich mich wirklich: Kommen die Älteren da mit? Die Businessangel z.Bsp, die uns geholfen haben, kamen alle aus der "alten" IT-Branche. Und haben doch gar nicht mehr verstanden, womit "man" heutzutage so sein Geld verdient. Der Bezug fehlt komplett. Und leider oft auch der Wille, sich nochmal reinzuklinken. Und da lassen sich viele fallen. Schließlich haben sie ja ihr Leben lang genug getan. Sollen die anderen sich kümmern. Und am besten auch um sie.

Sie merken: Mein Lieblingsthema.
Aber ich weiß. Es gibt da auch ganz andere Beispiele, die Mut machen.
Aber: The stage is yours.

Herzliche Grüße,
Sven Schlebes


B. Schwentker

B. Schwentker am 14. Mrz 2012 um 10:12 Uhr

Lieber Herr Schlebes,
haben Sie herzlichen Dank für die Konkretisierung.

Ich sehe, was Sie meinen, halte diese Entwicklungen aber für normal. Wir sind auf dem Weg zu mehr kommunikativer Teilhabe und Interaktion für alle, auch zwischen den Generationen.

Ich teile Ihre Beobachtung, dass es ältere Menschen gibt, die der neuen Informationstechnologie (bleiben wir der Einfachheit halber mal beim Internet, das steht ja im Zentrum) skeptisch gegenüberstehen, oder sie sogar ablehnen. Ich glaube aber nicht, dass das etwas Besonderes oder besonders schlimmes ist.

In unserem Staunen darüber, wie sehr das Internet unser Leben verändert, tendieren wir zu vergessen, wie jung es noch ist: Die Protokolle des WWW, mit dem wir heute in unseren Browsern durch die Welt surfen, wurden erst 1991 öffentlich gemacht. Das uns bekannte Internet ist jünger als die vereinigte Bundesrepublik.

Es ist völlig normal, dass eine neue Technologie nach 20 Jahren noch nicht alle Altersgrupen erreicht hat. Unabhängig davon, ob es um das Internet geht oder eine andere Technik. Die Sinus-Studie (https://www.divsi.de/sites/default/files/presse/docs/DIVSI-Milieu-Studie_Gesamtfassung.pdf) zu den Millieus der Internetnutzer bzw. -nichtnutzer ist sehr interessant. Sie ist aber ein statischer Querschnitt. Ich halte es in solchen Diskussionen für sehr wichtig, sich auch die Veränderung der Einstellungen anzusehen, den Trend. Dazu eignet sich gut die ARD-ZDF online-Studie (http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=onlinenutzungprozen0), die den Anteil der Onlinenutzung seit 1997 jährlich erfasst.

Schaut man sich dort an, wie viel Prozent einer Altersgruppe "gelegentlich online" geht, sieht man: Die Jungen, das sind in diesem Fall alle bis zum Alter 49, sind inzwischen quasi alle online und haben einen Nutzungsanteil von fast 100 Prozent. Von den 50- bis 59-Jährigen waren Ende 2011 knapp 70 Prozent online, Tendenz steigend, und von den über 60-Jährigen ist schon gut ein Drittel dabei, Tendenz stark steigend.

Das bedeutet letztlich nicht nur, dass es die Gruppe von Offlinern in wenigen Jahrzehnten schon gar nicht mehr geben wird. Es zeigt auch, dass sie sich nicht einfach dadurch verkleinert, dass die alten Offliner aussterben. Sondern auch, indem sie mächtig aufholen und mitmachen.

Ich glaube, der Grund dahinter ist ein nicht tot zu kriegendes Bedürfnis nach Kommunikation mit den Mitmenschen. Es ist viel älter als das Internet und auch völlig unabhängig von der Kommunikationstechnologie, die momentan gerade vorherrschend ist. Menschen wollen miteinandre reden, ob am Lagerfeuer oder durchs Glasfaserkabel. Und das werden sie immer tun, auch wenn sich die Technik verändert.

Was zählt, ist die menschliche Dimension, nicht die technische. Am Ende landen dann doch alle Altersstufen in der gleichen "Wahrnehmungsparzelle". Wir können ja auch alle sprechen. Mir ist ehrlich gesagt ein wenig schleierhaft, wieso von neuen Kulturtechniken manchmal angenomemn wird, sie würden sich nicht universell durchsetzen können, und würden eher schaden als nutzen.

Das Internet bietet uns Chancen zur Menschlichkeit wie nie. Sie erwähnen ja, dass der Raum ebensowenig ein kommunikatives Problem mehr ist wie die Zeit. Großartig! Jeder kann mit seinen Freunden selbst über weite Distanzen reden (und chatten, sich sehen und hören) und zwar ohne auf die tage- oder wochenlange Übermittlung seiner Kommunikation etwa durch die Post zu warten. Ich bin überrascht, wie wenig das Internet als größte Menschen-Zusammenschweiß-Maschine der Humangeschichte interpretiert wird, bei all den positiven Folgen, die der immense Wissens- und Ideenaustausch via Internet hat: Fortschritt, Bildung, Vernetzung, politischer Diskurs und Aktion, überschaubarer Handel mit Kundenmacht, gegenseitiges Verständnis, Frieden.

Dass wir dadurch zu nicht-räumlichen oder nicht-zeitlichen Wesen werden, glaube ich nicht. Wir tendieren dazu, angesichts technischer Neuerungen zu vergessen, dass der Mensch immer noch ein Tier ist, verortet in Raum und Zeit. Eine gewisse Vorsicht bei der Nutzung neuer Medien ist sicher angebracht. Wir müssen mehr Medienkompetenz vermitteln, um nicht doch unter der exzessiven Nutzung eines Mediums zu leiden. Das aber gilt nicht explizit fürs Internet. Meiner Ansicht nach ist das passive Fernsehen da problematischer.

Aber wir waren ja eigentlich bei den Alten. Sind sie abgehängt? Nein. Auf jeden Fall durch das Internet nicht stärker als durch andere neue Technologien. Dass einige, besonders Ältere der neuen Technik gegenüber nicht offen sind, liegt übrigens nicht an der Technik an sich. Die Sinus-Studie zeigt wunderbar, wie dies eine Frage des Millieus ist. Nicht nur sozioökonomisch gesehen, sondern auch von der Haltung her. Wer traditionell und konservativ ist, macht erstmal nicht mit.

Traditionelle und Konservative wird es immer geben. Ich persönlich zähle mich nicht dazu, aber ich vermute, es tut der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad gut, dass es sie gibt. Was es allerdings zu verhindern gilt, ist ein durch das Alter bedingter genereller Unwillen, Neues dazuzulernen. Dass es ihn gibt, ist eine Frage des Bildungssystems, genaur: Des real nicht existierenden lebenslangen Lernens. Für viele, die heute 65 sind, war es schlichtweg normal, nach ihrer Ausbildungszeit nichts Wesentliches mehr hinzu zu lernen. Es wurde weder gefördert noch gefordert. Kann man es ihnen da verübeln, dass sie nicht gleich begeistert einen iphone-Vertrag abschließen? Das ist eine Frage unserer faschen Bildungskultur, nicht einer speziellen Technik wie des Internets oder des Smartphones.

Unsere Bildungskultur aber können und werden wir verändern. Das lebenslange Lernen wird kommen, es wird zum Normalfall werden. Gleichzeitig werden wir erleben, wie die dem Internet folgenden oder darauf aufbauenden Technologien noch schneller in allen Altersstufen Einzug erhalten als das Internet selbst.

Für das Internet stellt sich die Altersfrage dann gar nicht mehr. Ich habe es in meinem Verwandtschaftskreis nun schon mehrfach erlebt: Vollmundig hatten die Älteren erklärt, Computer und Internet mit Sicherheit niemals anzufassen. Heute sitzen sie mit dem Laptop am Küchentisch und schicken wie selbstverständlich E-Mails und Digitalfotos an ihre Kinde rund Enkel. Die Freude an der Kommunikation hat Skepsis und Lernhürde längst überwunden. Das wir immer mehr Älteren so gehen.

Auch hier hilft die Perspektive auf hundert Lebensjahre: Wer würde sich im Ernst Jahrzehnte vor seinem Lebensende aus der modernen Kommunikationstechnologie ausklinken wollen, wenn er denen, die er liebt, durch sie nah sein kann? Wer würde sich dem Fortschritt entziehen, wenn er sein Leben noch über Jahrzehnte einfacher machen kann? Und wenn er, durch mehr und bessere Möglichkeiten ständig zu lernen, einen einfachen Zugang dazu bekomm?

Herzliche Grüße
Björn Schwentker