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Artikel von E. Stiefel

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Elisabeth Stiefel

Elisabeth Stiefel

ist Volkswirtin und Mitglied der Arbeitsgruppe Arbeit&Leben des Fortschrittsforums.

Hat der Fortschritt ein Geschlecht?

von Elisabeth Stiefel am 04. März 2013

Noch immer herrscht die Meinung vor, dass unser aller Wohlergehen maßgeblich von der "Wirtschaftsleistung" abhängt. Doch bei deren Bemessung wurde in der Vergangenheit das soziale Wirtschaften und der Nicht-Markt-Bereich sträflich vernachlässigt kritisiert Elisabeth Stiefel.


Wohlstand für alle

Nicht nur die Ökonomen sind überzeugt, dass unser aller Wohlergehen maßgeblich von der Wirtschaftsleistung abhängt. Doch selbst umfassend geschulte Experten wissen nicht genau, was darunter eigentlich zu verstehen sei. Gleichwohl vertritt eine breite Mehrheit die Ansicht, ohne wachsende Wirtschaftsleistung drohe der Untergang des deutschen Wohlstandsmodells. Eine wichtige Rolle spielt dabei stets die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und dessen Verhältnis zum deutschen Sozialstaat. 

Tief verankert im Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit ist die Überzeugung Ludwig Erhards, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Promoter der Sozialen Marktwirtschaft den Grundstein für das deutsche Wirtschaftswunder legte: Wohlstand für alle und Wohlstand durch Wettbewerb gehören untrennbar zusammen.  Für die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft gab es keinen Zweifel, dass die Wirtschaft aus expandierenden Unternehmen  und Wohlstand aus der Ausstattung der Haushalte mit Geld und Gütern bestand. 

Erhards Adressaten waren tatsächlich alle. Jeder sollte teilhaben können, auch diejenigen, die nichts besaßen außer ihrer Arbeitskraft. Wie für alle Protagonisten industriellen Wirtschaftens war auch für Erhard das auskömmliche Einkommen von Männern Grundlage und Gewähr stabiler Verhältnisse. Sein besonderes Augenmerk galt der Lohnentwicklung in der Industrie, als Gradmesser des Fortschritts schien ihm nichts besser geeignet als die Lebenslage des männlichen Lohnarbeiters. 

Es verstand sich von selbst, dass Frauen nicht extra erwähnt werden mussten. Als Ehefrauen waren sie selbstverständlich mitgemeint. Blieben sie unverheiratet, hatten sie ohnehin das Wichtigste verpasst. Ihre Löhne waren nachrangig, als Mütter waren sie ledig mit Kind. In der Sozialstatistik zählten sie als Personen ohne Ernährer. Für die Soziale Marktwirtschaft besaßen Ehe und 'intakte' Familie zentralen Stellenwert, und bei jeder Gelegenheit rühmte man ihre Bedeutung als tragende Säule der sozialen Ordnung.

Der männliche Haushälter, der mit seinem Lohn den Unterhalt von Frau und Kindern bestritt, sorgte für die Verbindung von Familie und Arbeitswelt. Gleichwohl war die Identität des wirtschaftlichen Grundbausteins Haushalt mit einem männlichen Individuum keine Erfindung der Sozialen Marktwirtschaft. Sie ist integraler Bestandteil ökonomischen Denkens seit Adam Smith, und niemand hat je daran Anstoß genommen. Für Akzeptanz sorgte neben dem Geschlechterverhältnis das Wirtschaftskonzept des Industriezeitalters, das Wohlstand über Geld und Güter definierte, deren Beschaffung in der Hand von Männern lag.

Erhards Soziale Marktwirtschaft hat die weibliche Arbeitskraft dem Familienhaushalt gewidmet und den eigenen Gelderwerb der Familienfrau nach Kräften behindert. Als Ehefrauen, Mütter, Töchter und Schwiegertöchter trugen Frauen Verantwortung für die Umwandlung von Wohlstand in Leben und Lebensqualität. Niemand kam auf die Idee, ihrer Rolle ökonomische Bedeutung beizumessen oder sie gar als Arbeit zu werten, die sich mit der Arbeit von Männern vergleichen ließ. Das Tagewerk der Familienfrau war konsumtiv, es diente nicht der Wertschöpfung, sondern dem Verzehr dessen, was ein Mann für sich und die Seinen erschaffen hatte.

Irgendwann im späten 20. Jhdt. rückte die amtliche Statistik von dem Dogma ab, nur das männliche Geschlecht sei in der Lage, den (Familien)Haushalt darzustellen. In einem ersten Schritt ließ man zu, dass auch Frauen als Haushaltsvorstand fungieren konnten, wenn (Ehe)Männer nichts dagegen hatten. Weitere Zugeständnisse signalisierten fortschreitenden Bewusstseinswandel. Indem die derzeitige Regelung den Hauptverdiener statistisch als Chef des Hauses ausweist, vermittelt sie den Eindruck, die Gleichheit der Geschlechter sei endlich auch im Wirtschaftsleben angekommen. Doch der Schein trügt.

Weder die Theorie noch die Praxis des Wirtschaftsprozesses hat die Segregation von Frauen und Männern oder die Ungleichwertigkeit ihrer Arbeit ernsthaft in Frage gestellt. Ganz im Gegenteil. Zwar versucht die späte Industriegesellschaft, mit Quotenregelungen und Nichtdiskriminierung Machtverhältnisse abzubauen und Haushaltsarbeit als gleichwertige Verdienstquelle zu etablieren. Eine andere Sicht auf häusliche Nichtarbeit ergab sich bisher daraus nicht.

Im Einklang mit den Prinzipien industrieller Güterproduktion besitzt die Arbeit im Haushaltsinneren unverändert den Stellenwert der Konsumverwaltung. Die noch vor zwanzig Jahren gebräuchliche Unterscheidung von konsumtivem und produktivem Konsum und damit die höhere Wertigkeit des Konsums der erwerbenden Haushaltsvorstände ist zwar aus dem  Blickfeld geraten. Unverändert zählt die amtliche Statistik den Hauptverdiener aber als einzigen Vollverbraucher neben nicht personifizierten Zuverdienern, Kindern und anderen Nichtaktiven, die den (Familien)Haushalt bevölkern (und das Pro-Kopf-Einkommen mindern).

Es wäre unangemessen, die Abschottung industriewirtschaftlicher Theorie und Praxis gegenüber den lebenserhaltenden Aufgaben der Haushalte als böswillig zu bewerten. Industrielles Wirtschaften ist gefangen in der Bilanzierung von Kosten und Erträgen marktfähiger Güter. Weder die Natur als Lieferantin von Stofflichkeit noch die Frauen als Scharnier der Generationenfolge lassen sich einpassen in den selbstbezogenen Kreislauf von Verwendung, Verwertung und Verbrauch. Geradezu entlarvend ist die völlige Unsichtbarkeit von Kindern. Ökonomischen Denkern gelten sie als Konsumgut, das Kaufkraft und Konsumfähigkeit der Haushalte für Wohlstandsgüter schrumpfen lässt.  

Anders als zuzeiten Ludwig Erhards ist das Wirtschaftsgeschehen im 21. Jahrhundert  vielgestaltig und amorph. Zwar ist der industrielle Sektor, Herz der Sozialen Marktwirtschaft und Erhards Lieblingskind, noch immer Taktgeber des Wirtschaftsgeschehens. Doch sein Anteil am BIP, dem amtlich ausgewiesenen Ganzen der Wirtschaftsleistung, ist über die Jahrzehnte kontinuierlich gesunken.

Bezahlte Dienstleistungen, unter denen konsum-, haushalts- und personennahe Dienste eine große Rolle spielen, erbringen in Deutschland wie in allen anderen entwickelten Volkswirtschaften längst einen Anteil von mehr als 70 Prozent des Gesamtergebnisses. Anders als Konsumgüter widersetzen sie sich jedoch der industriewirtschaftlichen Elle von Effizienz und Produktivität. Obwohl ihre Entlohnung geringer ist als das Entgelt für produzierende Tätigkeiten, gelten sie als zu teuer. Viele Experten halten sie zudem für überflüssig. Aufgrund ihrer 'Kostenkrankheit' sind sie stets in Gefahr, aus dem Marktrand verdrängt und in das Niemandsland der (Familien)Haushalte verschoben zu werden.

Obwohl die Haushalte immer kleiner werden, erweist sich der Traum von wachsendem Wohlstand für alle immer mehr als Luftschloss. Es fehlen schlüssige Erklärungen für die wachsende Ungleichheit. Dazu kommen die Schäden an Natur und Umwelt, die neue Orientierungen nötig machen. Nicht nur in den alten Industrieländern hat man hochrangig besetzte Beratungsgremien eingerichtet, die sich auf neue Grundlagen für wirtschaftliches Handeln verständigen sollen, ohne die alten Maßstäbe außer Kraft zu setzen.

Soziales Wirtschaften aus dem Blickwinkel von Frauen

Es ist nicht verwunderlich, dass sich weibliche Kritik am güterbezogenen Ökonomiemodell der industrialisierten Welt am deutlichsten dort artikuliert, wo im globalen Markt Süd und Nord, 'Entwicklungs-' und Industrieländer, haushaltsnahe und marktförmige Wirtschaftsweisen aufeinandertreffen. Gerade für Frauen aus agrarischen Gesellschaften ist es völlig unannehmbar, dass ihre Produktions- und Versorgungsarbeit im Rahmen der Wirtschaftsgemeinschaft Familie als wirtschaftlich bedeutungslos betrachtet wird.  

Denkwürdig ist die 'Women's Action Agenda 21' von 1991, die im Vorfeld der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio einen umfassenden Katalog von Forderungen aus Frauensicht präsentierte und sich von einem Entwicklungsmodell nach westlichem Muster distanzierte. Man monierte die mangelnde Aussagefähigkeit nationaler Kontensysteme und verwies auf die wachsende Armut von Frauen und Kindern auch in reichen Ländern.

1500 Frauen aus allen Ländern der Welt begehrten die Hälfte der Entwicklungshilfe für Projekte, die auf das Wohlergehen von Frauen und ihren Familien ausgerichtet sind. Die Versammlung benannte Kleingewerbe, Subsistenzlandwirtschaft und Freiwilligenarbeit neben der Sorge für Kinder und Alte als Frauendomäne, die es zu unterstützen und sichtbar zu machen gelte. Ungeachtet des Bekenntnisses der Rio-Konferenz zur besonderen Beachtung von Frauen- und Kinderinteressen blieb der Widerhall der FrauenAgenda im Aktionsprogramm der Agenda 21 höchst unbefriedigend. 

Die sybillinischen Formulierungen des Kapitels 24 der Agenda 21 lassen vermuten, dass den Urhebern des Dokuments die Gefährdung der Generationensorge im globalisierten Gütermarkt durchaus bewusst war. Die wachsenden Bedrängnisse subsistenzorientierter Produktion waren ebenso vorauszusehen wie die steigende Arbeitsbelastung der Frauen und die Beeinträchtigung des sozialen Zusammenhalts. Dennoch sah die Rio-Konferenz keine Veranlassung, den eingeschlagenen Weg industriewirtschaftlichen Wachstums in Frage zu stellen.

Für das Anliegen der Frauen auf Berücksichtigung eines (Schon)Raums für unproduktive Arbeit und haushaltsnahe Versorgung gab es keine Spielräume. Eine Lösung der zu lösenden Fragen erwartete man von der 'nutzbringenden' Integration der Frau in den globalen Markt.  Ihre führende Rolle bei der Etablierung nachhaltiger Produktions- und Verbrauchsmuster wurde besonders hervorgehoben.

Um sicherzustellen, dass auch die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung in den Genuss der geplanten umwelt- und sozialverträglichen industriellen Entwicklung käme, stellte man immerhin Studien über die strukturellen Zusammenhänge zwischen Geschlechterbeziehungen einerseits und Umwelt und Entwicklung andererseits in Aussicht. Erkenntnisse über die Auswirkungen der sog. Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen oder gar Argumente für eine familien- und versorgungsnahe Wirtschaftspolitik sind jedoch dauerhaft ausgeblieben. 

Fast zeitgleich mit der Rio-Konferenz wurde 1992 die International Association for Feminist Economics gegründet. Eine Frauensicht auf die industrielle Ökonomie ist bestrebt, beide Seiten des Wirtschaftens in den Blick zu nehmen: sowohl die komplexen Entstehungs- und Verteilungsprozesse von (materiellen) Gütern als auch ihre Verwendung im Kontext lokaler und kultureller Eigenheiten. Ausgangspunkt der feministischen Analyse ist die Einbettung des Wirtschaftens in menschliche Beziehungen und Abhängigkeiten im Rahmen der Generationensorge.  

Der Nicht-Markt-Bereich in der Perspektive der Fortschrittskommission

Inhaltliche Impulse für die Arbeit der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft kamen vor allem aus der Umweltbewegung. Ihr Auftrag geht jedoch über die Erkundung der nachhaltigen Nutzung von Naturgütern und Rohstoffen weit hinaus.

Mit einem ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikator soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass wirtschaftliches Wachstum auch Auswirkungen hat auf die Verteilung materieller Lebenschancen und den sozialen Zusammenhang. Fast bescheiden, sozusagen als Zugabe,  findet sich am Ende einer langen Liste der Wunsch, die Enquete möge "ggf. einen Beitrag für einen zukunftsfähigen Arbeitsbegriff leisten".

Für Frauen und ihre Netzwerke bilden nicht die Kosten und Erträge der Güterproduktion, sondern tragfähige Erkenntnisse über die Zukunft von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit den Prüfstein für Fortschritt im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens. Während der männliche Ernährer schon lang nicht mehr verspricht, was er nie halten konnte, ruht das Gebäude ökonomischer Reflexion noch immer auf dem Ernährerhaushalt als Fundament des Wirtschaftens. Die deutsche Fortschrittskommission hat sich keineswegs davon distanziert.      

Die Fragen sind zahlreich, die sich nicht nur für Frauen, sondern für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung im 21. Jahrhundert daraus ergeben. Welche Ressourcen stehen für die Generationensorge zur Verfügung, von wem werden sie erwirtschaftet, in welchem Verhältnis stehen Individuum und Person, Haushalt und Familie, Wirtschaft und Sozialstaat? Welche Trends beeinflussen die Aufgaben von Frauen und Männern in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts? Hat die weltweite Integration der Frauen in den Marktprozess vor allem die Funktion, das industrielle System von Unterhaltslasten zu befreien?

Für den ökonomisch trainierten Blick der alten Feministin hat die Fortschrittskommission bisher nicht erkennen lassen, dass die Sichtweisen ihrer Mitglieder imstande sind, den male bias ökonomischer Theorie aufzudecken oder gar zu korrigieren. Zwar ist man sich einig im  Bedauern über die Blindheit des BIP gegenüber dem Nichtmarktbereich. Allein die Opposition (SPD, Linke, Grüne) sieht in dessen Ausschluss jedoch einen Mangel von grundlegender Bedeutung für alle wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Aktivitäten  (Kommissionsdrucksache 17(26)84 vom 14.01.2013).

Im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation empfiehlt sie einen Pfadwechsel mit dem Ziel eines neuen Verständnisses von Wohlstand und Wohlergehen. Die Kategorien, die dafür zur Verfügung stehen, liegen indes nicht auf der Hand. Die Versuchung ist groß, es bei der Addition bezahlter und unbezahlter Arbeit zu einem virtuellen Ganzen zu belassen. Wesentliche Parameter industriellen Wirtschaftens bleiben davon gänzlich unbehelligt.

Eine Wirtschaftsweise, die den sozialen und ökologischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts genügen will, distanziert sich von der Hegemonie industriellen Produzierens  und der Erwartung, durch umfassende Bemühungen der Konsumenten lasse sich einlösen, was die (Soziale) Marktwirtschaft versprach. Die Exploration der sog. Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wäre ein mutiger Schritt in Richtung einer lebensfreundlichen und naturverträglichen Zukunft.




1 Kommentare:

B. Ehlert

B. Ehlert am 16. Mrz 2013 um 09:34 Uhr

Wer in diesen Tagen in die Medien schaut, wird überall mit der Papstwahl konfrontiert. Das damit einhergehende Weltbild hat in den letzten 2000 Jahren die westlichen Gesellschaften geprägt – auch in der Frage, was die Rolle der Frau angeht. Die Botschaft dieses Weltbildes, die gerade von der Papstwahl in Bezug auf die Frauen wieder ausgeht, lautet weiterhin: Frauen haben in Führungspositionen nichts zu suchen, selbst nicht in der Rolle eines einfachen Priesters.

Der Einfluss dieses unsere Gesellschaft prägenden Weltbildes ist in den letzten Jahrhunderten stark zurückgegangen. Der Bezug zu dem übernatürlichen Wesen, auf das sich dieses Weltbild beruft, wird zwischenzeitlich auch anders interpretiert, d.h. in diesen anderen, abgespaltenen Deutungen sind Frauen sehr wohl dazu befähigt, den Willen des übernatürlichen Wesens auszulegen.

Vor 2000 Jahren markierte dieses religiöse Weltbild noch einen Meilenstein des sozialen Fortschritts, als das Übernatürliche seinen Willen nicht wie bis dahin in dem ranghöchsten Mitglied oder Führer einer Gesellschaft offenbarte, sondern zum ersten Mal in einer Figur aus der Unterschicht. Doch danach gewann auch in dieser Religion wieder die alte soziale Ordnung die Oberhand, so dass in der Neuzeit nicht dieses religiöse Weltbild für weitere soziale Fortschritte sorgte, sondern diese mussten gegen den erbitterten Widerstand dieses Weltbildes erkämpft werden. Diese Rollenverteilung ist bis heute geblieben, d.h. obwohl dieses Weltbild ursprünglich einen ganz modernen Ansatz hatte, ist es heute wieder Bremser und Verhinderer des sozialen Fortschritts, was nun auch für den ökologischen Bereich gilt.

In der Aufklärung der Neuzeit sind die religiösen Weltbilder als Glaube an übernatürliche Wesen und Kräfte dann endgültig widerlegt worden. In praktischer Hinsicht hatten diese Weltbilder zwar durchaus ihren Nutzen, doch selbst dieser verliert heute mehr und mehr an Bedeutung. Daher stellt sich heute ganz konkret die Frage, ob es ausreicht, eine Neuorientierung nur immer in Teilbereichen zu vollziehen, wie etwa der Gleichberechtigung der Frau, des weiteren sozialen Fortschritts, der Ökologie usw., oder ob es angesichts der heutigen rasanten Entwicklung und der damit einhergehenden Veränderungen und Probleme nicht nötig ist, unseren größten Orientierungsrahmen, den trotz aller Mängel und Widersprüche immer noch die Religion bildet, zu überdenken. Dieses Denken geht natürlich über das gegenwärtige Paradigma hinaus, was allein dadurch mit Problemen verbunden ist.

Doch Kant etwa ermuntert dazu, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, und auch in der sich anbietenden Alternative eines größten Orientierungsrahmens, der Evolutionstheorie, liegt im Geist und im Denken das eigentlich Humane, und zwar gänzlich unabhängig von körperlichen Formen oder Kennzeichen wie etwa der Hautfarbe. In dieser alternativen Orientierung wird etwa das »Böse« nicht auf ein übernatürliches Wesen zurückgeführt, sondern ist vielmehr in den nicht mehr angepassten Verhaltensweisen des animalischen Erbes zu suchen, das der Mensch in seiner zweigeteilten Natur genetisch verankert in sich trägt.


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