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Artikel von E. Stiefel

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Elisabeth Stiefel

Elisabeth Stiefel

ist Volkswirtin und Mitglied der Arbeitsgruppe Arbeit&Leben des Fortschrittsforums.

Eine Frage der Perspektive

von Elisabeth Stiefel am 13. Februar 2012

Bei der Diskussion über die Schwächen des BIP fehlen feministische Perspektiven. Unsere Autorin Elisabeth Stiefel über männliches Wirtschaften, den Binnenraum des Haushalts und eine mögliche Krise im Care-Bereich.


Zukunftswerkstätten sind wieder en vogue. Ohne Vorgaben sind allein Phantasie und Kreativität gefragt. Realitätsbezug ist förderlich, erforderlich ist er nicht. Es ist Methode, vor dem Hintergrund kritikwürdiger Zustände die Welt in Stücke zu reißen und neu zu erfinden.

In vielen Facetten erinnert die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ an eine Denkwerkstätte für Experten. Auch sie hat den Auftrag, neue Maßstäbe zu setzen. Im Unterschied zu den Diskussionsforen für Laien ist ihr Diskurs jedoch nicht beliebig, sondern hat ein Thema, das uns alle angeht. Sie streitet über die Zukunftsfähigkeit des Industriezeitalters.

Ihr Feld für Kritik ist durchsetzt von Tretminen und Stolperfallen. Wer heil davonkommen will, sieht sich vor. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass substanzielle Ökonomiekritik weder von der Enquete-Kommission noch von einem anderen der hochrangig besetzten „Runden Tische“ zu erwarten ist, die mit ähnlichem Auftrag in vielen anderen Ländern arbeiten. Im Einklang mit der internationalen Initiative Beyond GDP von 2007, die ein gradliniges „Weiter so“ verhindern möchte, will man neues Terrain erkunden und weiterführende Erkenntnisse gewinnen.

Halte- oder Wendepunkte sind bisher nur selten ins Visier geraten. Das BIP als stimmiges und gleichzeitig unparteiisches Rechenwerk steht für ein Verständnis von Wirtschaften, von dem man lange überzeugt war, es erfülle alle Bedingungen für ein gutes Leben. Die industrielle Wirtschaftsweise versprach Wohlstand, Gerechtigkeit, Teilhabe sowie die Befreiung aus Unterdrückung und Not. Mit den großen Krisen der Gegenwart aber verlor der Glaube an die Gradlinigkeit des Fortschritts sein Fundament.

In dieser Situation ist es plausibel, dass zunächst weniger das BIP selbst, sondern sein unzulänglicher Informationsgehalt zur Debatte steht. Man will wissen, ob sich unsere Art zu leben und zu wirtschaften auf lange Sicht mit der Wohlfahrt der Gesellschaft und der  Lebensqualität der Einzelnen verträgt. Vordergründig geht es um eine „Ergänzung“ des BIP, nicht um eine Revision seiner Kategorien. Gerade die Art und Weise, in welcher die industrielle Marktwirtschaft sich selbst versteht und gegen andere Lebensweisen abgrenzt, könnte jedoch weiterführende Einsichten vermitteln.

Die Rolle der Frauen

Die Sachverständigenbank der Enquete-Kommission bietet ein Beispiel dafür, wie Wirtschaft und Wirtschaften von jeher als Männeraufgabe angesehen wurde. Schon im griechischen Altertum bezweifelte man, dass Frauen in der Lage seien, für den oikos und seine Bewohner Verantwortung zu übernehmen. Vor allem die Beziehungen nach draußen, das heißt hinein in das Kommunikations- und Entscheidungsgeflecht der polis, waren Sache der freien Männer als Chef der Hausgemeinschaft.

Feministische Forscherinnen haben die Wege nachgezeichnet, auf denen solche Ansichten kreuz und quer durch alle Wissenschaften bis in die Moderne gelangten. Das Establishment  der ökonomischen Fachdisziplin konnte sein Selbstbild ungewöhnlich lange gegen unbequeme Nachfragen verteidigen. Gegenüber dem Verdacht, man dränge Frauen willkürlich ins Abseits, verwies man auf deren Weiblichkeit, Emotionalität, Technikferne, mangelnden Leistungswillen, fehlende Durchsetzungskraft oder falsche Berufswahl. Die industrielle Ökonomie erfordere dagegen Rationalität, Disziplin, strengen Sachbezug. Das Familienrecht tat ein Übriges, um Frauen als Angehörige von Männern in den „Schutzraum“ des Privaten auszugliedern.

Die Soziale Marktwirtschaft hat dieses Modell nicht kritisiert, sondern gefestigt und bestärkt. Ihren Vätern ging es einerseits um materiellen Wohlstand für alle, andererseits um die Stärkung der Familie. Der Spagat zwischen Technik, Effizienz, Wettbewerb auf der einen und Geborgenheit, Muße, Fürsorge auf der anderen Seite gelang durch sozialstaatliche Regelungen. Diese verstanden nicht den Haushalt als ökonomische Basis, sondern waren auf den Mann als Repräsentant der Familie ausgerichtet. Sein Einkommen sollte ausreichen, um Ehefrauen und Kinder Wohlstand zu ermöglichen. Mütter ohne Mann oder Kinder ohne Vater hatten das Nachsehen.

Die Abhängigkeit von Geschlechterverhältnis und Systemrationalität liegt auf der Hand, war aber kaum je Anlass gründlicher Nachforschungen. Auch der Initiative Beyond GDP fehlt bisher der Mut, androzentrische Strukturen ins Visier zu nehmen.

Well-Being als neue Qualität

Was bedeutet das Motto Beyond GDP im Hinblick auf das Verhältnis der Geschlechter und die zutiefst verankerte Dichotomie von Effizienz und Fürsorge? Weißt die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die im Klartext nichts anderes ist als die Bilanz von Kosten und Erträgen handelbarer Güter, über sich selbst hinaus? Das BIP gilt als Abbild des Wirtschaftskreislaufs zwischen Haushalten, Unternehmen und dem Staat. Den Binnenraum des Haushalts und damit diejenigen, die nicht als Produzenten marktvermittelten Wohlstands in Erscheinung treten, klammert es systemisch aus.

Mittlerweile hat die gesellschaftliche Praxis begonnen, den BIP-verstrickten Diskurs über die Beziehungen zwischen Reichtumsproduktion und gesellschaftlicher Wohlfahrt zu beleben. Wesentliche Impulse für Well-Being kommen von der Feministischen Ökonomie. Sie macht mit dem Begriff Care, Fürsorge oder Versorgungsarbeit auf die Bedeutung aufmerksam, die personenbezogene Dienstleistungen für das Wohlbefinden der Einzelnen und die Wohlfahrt der Gesellschaft haben.

Ihr Referenzpunkt ist die unbezahlte Arbeit von Frauen im privaten Haushalt. Einzelne Autoren, vor allem jedoch die Stiglitz-Kommission, ermutigen dazu, auf diesen Wegen weiterzudenken. Personennahe Dienstleistungen, etwa im Bildungs- oder im Gesundheitsbereich, sind unverzichtbar für das, was im postindustriellen Zeitalter als Fortschritt anzusehen ist. Ihr Potenzial zur Steigerung von Wachstum und Lebensqualität ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Wachsamkeit ist andererseits deshalb geboten, weil Fürsorge oftmals unbezahlt erfolgt, also außerhalb marktförmigen Wirtschaftens. Tendenziell nehmen die Ressourcen aber ab, die für unbezahlte Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Möchte man beurteilen, was die bisher weitestgehend ausgeblendete Care-Krise für eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft bedeutet, muss hier auch das Geschlechterverhältnis in die Überlegungen eingehen.




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