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Artikel von L. Castellucci

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Lars Castellucci

Lars Castellucci

ist Professor für Nachhaltiges Management an der Hochschule der Wirtschaft für Management in Mannheim

Die Tugend der bunten Koexistenz

von Lars Castellucci am 26. Juli 2013

Wie wollen wir zusammenleben? Was können wir voneinander erwarten? Wo setzen wir Grenzen? - Lars Castellucci über die Verständigung eines guten Zusammenlebens als Basis einer fortschrittlichen Gemeinschaft.


"Wie wollen wir leben?" lautet die Leitfrage des Fortschrittsforums. Hier, wie beispielsweise auch in zahllosen Bürgerbeteiligungsprojekten in Städten und Gemeinden oder auf Länderebene, geht es um neue Zielstellungen für unser Gemeinwesen. Diese Verständigungsprozesse sind wichtig. Wenn nachvollziehbar etwas aus ihnen folgt, umso mehr. In diesem Beitrag stelle ich eine andere, ergänzende Frage: Wie wollen wir zusammenleben? Eine Frage, die in bunter oder heterogener werdenden Gesellschaften an Bedeutung gewinnt und sich immer weniger von selbst ergibt. Also: Was können wir voneinander erwarten? Was wollen wir (er-) tragen? Wo setzen wir Grenzen? Es geht um bunt zusammenleben, statt nur bunt und friedlich oder gar bunt und konfliktreicher zu koexistieren. Eine Verständigung über gutes Zusammenleben ist dann auch die Basis, auf der sich fortschrittliche Zielstellungen für das Gemeinwesen erreichen lassen.

Wie steht es um diese Verständigung? Besucht man in Mailand die Basilika des Heiligen Eustorgio, lohnt ein Besuch der Portinari-Kapelle. Dort befindet sich der bemerkenswerte Sarkophag des Heiligen Peter von Verona, geschaffen im frühen vierzehnten Jahrhundert von Giovanni di Balduccio. Dieser Sarkophag ruht auf acht Säulen, denen Tugenddarstellungen vorangestellt sind. Es handelt sich um die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit (iustitia), Maß (temperantia), Tapferkeit (fortitudo) und Klugheit (prudentia), sowie die drei theologischen Tugenden, Glaube (fides), Hoffnung (spes) und Liebe (caritas). Hinzu kommt der Gehorsam (obedientia) als Tugend der Mönche. Die acht Darstellungen sind an den Säulen jeweils mit Namen bezeichnet, was eher selten anzutreffen ist. Denn die Darstellungen zeigen in Symbolen ihren Gehalt und wurden so auch von mehr Betrachtern verstanden, als des Lesens mächtig waren: Die Hoffnung blüht, dargestellt in einem Strauß Blumen. Die Klugheit hat drei Gesichter unterschiedlichen Alters, denen allen eine eigene Klugheit zueigen ist. Nur die Waage für die Gerechtigkeit ist noch heute Zeichen der Justiz. Ansonsten sind die Tugenden, ist der Tugendbegriff beinahe aus dem (Sprach-) Gebrauch geschieden.

Im Volksmund heißt es: "Aus den Augen, aus dem Sinn." Ebenso gilt: Aus der Sprache, aus dem Sinn. Der Begriff der "Tugend" weicht ja nicht einmal einem anderen, "neu-deutschen" oder angelsächsischen. Er schwindet einfach, ganz allmählich, weil sein Inhalt nicht mehr fassbar ist. Oder Tugenden verkehren sich gar in ihr Gegenteil: "Was einst als Habgier negativ bezeichnet wurde, ist heute eine Wirtschaftstugend mit dem schönen Namen Gewinnmaximierung" (Ulrich Wickert). An diesem Beispiel sehen wir: Es gibt nicht nur den "Verlust der Tugend" (Alasdair MacIntyre), sondern in Form der fortgeschrittenen Ökonomisierung wirkmächtige alternative Konzepte. Markt und Moral stehen jedoch eher in einem prekären Verhältnis einander.

Was geht uns damit verloren? Die Tugenden galten als "Lichtstrahlen, die von der göttlichen Natur herkommen" (Gregor von Nyssa). Sie gaben Orientierung für ein gutes Leben. Das Kunstwerk vermittelt dies in hervorragender Weise: Das Leben des Heiligen ruht auf den Tugenden. Freilich ließen sich zahllose Orientierungen aufzählen, die in der Geschichte mit großem Leid und Ungerechtigkeit verbunden sind, denken wir nur an Sklaven, die als Menschen zweiter Klasse galten, Kinder, die geschlagen wurden, oder Frauen, die nicht wählen durften. Es geht darum nicht um ein Zurück zu alten Orientierungen, sondern um die fortschrittliche Frage, welche Orientierungen heute gelten oder welche nebeneinander bestehen können und wie dieses Nebeneinander funktionieren kann. Wenn Deutschland im demografischen Wandel nicht nur schrumpft und älter, sondern auch bunter wird, dann braucht es genau diese Klärung und sie geht nur über Dialog. In Unternehmen ist er unter dem Stichwort "Vielfaltsmanagement" bereits in Gang. Nicht nur Umgang sondern Wertschätzung von Vielfalt ist auch einer der zentralen Aspekte einer Agenda für soziale Nachhaltigkeit. Diese Agenda braucht gegenüber Öko, Bio und Grün im Nachhaltigkeitsdiskurs eine viel stärkere Betonung. Es ist eine Agenda, die vom Menschen und seinen Bedürfnissen her denkt. Zu diesen gehören dann selbstverständlich auch eine intakte Umwelt, Biodiversität oder Anstrengungen gegen den vom Menschen gemachten Klimawandel. Aber eben nicht nur: im Kern geht es um gute Beziehungen zu sich selbst, zu anderen und zur Mitwelt. Diese drei machen ein gutes Leben aus.

Nicht die großen Theorien, sondern die guten Beispiele leiten uns, meint Johannes Staemmler von der Hertie School of Governance. Sie böten die Chance, von Versuch und Irrtum anderer zu profitieren. Ein bemerkenswertes Beispiel für einen Verständigungsprozess über die Frage "Wie wollen wir zusammenleben" ist die Wiener Charta, ein Projekt der dortigen rot-grünen Stadtregierung. Mit der Wiener Charta haben über 8000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Vereinbarung erarbeitet, wie sie in Wien miteinander respektvoll zusammenleben wollen - über kulturelle und andere Grenzen hinweg. Die Kernidee dabei: besser miteinander, als übereinander reden. Oder wie es in Wien heißt: "Beim Reden kommen die Leut z´samm". Keine neue Idee, aber öfter gesagt, als tatsächlich getan. Zusammen gekommen sind ganz simple und im Alltag doch oft wenig selbstverständliche Dinge: "Ein einfaches Bitte oder Danke", "Kinderlärm ist kein Lärm" oder "Wir respektieren ältere Menschen". Die Charta steht nun vor der Bewährungsprobe, nämlich Tag für Tag gelebt zu werden.

Wie wollen wir zusammenleben? Wo diese Verständigung nicht von selbst gelingt, wird sie zur politischen Aufgabe. Vielleicht entsteht so auch, wie frühere Jahrhunderte sie kannten, ein neuer Tugendkatalog für das 21. Jahrhundert.




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