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Artikel von D. Ebner

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Dr. Christian Ebner

Dr. Christian Ebner

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des nationalen Bildungspanels "Berufsbildung und lebenslanges Lernen" und der Projektgruppe der Präsidentin am WZB.

Die fortschrittliche Arbeitsgesellschaft

von Dr. Christian Ebner am 08. Juli 2013

Christian Ebner gibt, mit seiner Einordnung der Leitbilder einer fortschrittlichen Arbeitsgesellschaft, den Startschuss zu einer neuen Serie von Beiträgen aus dem Fortschrittsforum zum Thema Arbeit & Leben.


Schon vor rund 80 Jahren wurde auf die hohe Bedeutung der Erwerbsarbeit für Individuen in der berühmten Marienthalstudie hingewiesen: Neben dem finanziellen Aspekt führt Erwerbsarbeit zu Erfahrungen und Kontakten außerhalb der Kernfamilie, sie schafft gemeinschaftliche Ziele, strukturiert Lebenszeit, bestimmt Status und Identität. Der hohe Stellenwert der Erwerbsarbeit wird auch aktuell in zahlreichen nationalen und international angelegten Studien wie dem International Social Survey Programme (ISSP) oder dem World ValuesSurvey wiederkehrend bestätigt. Gleichzeitig ist Erwerbsarbeit aber auch deutlichem Wandel unterworfen. Mindestens fünf Megatrends können als "Markenzeichen"der modernen Arbeitsgesellschaft identifiziert werden.

Erstens wird Bildung auf dem Arbeitsmarkt zu einer immer bedeutsameren Ressource. Die Expansion wissensbasierter Berufe vor allem im Dienstleistungssektor und die voranschreitende technologische Entwicklung führen dazu, dass Personen ohne abgeschlossene Ausbildung seit Beginn der 1980er Jahre ein immer höheres Arbeitslosigkeitsrisiko tragen. Die demografische Entwicklung fordert eine längere Lebensarbeitszeit und die sinkende Halbwertszeit von Wissen lässt (kontinuierliche)Weiterbildungen notwendig werden.

Zweitens verändern sich die Arbeitsbeziehungen. Betriebe und Beschäftigte sind seltener tarifgebunden und Regulierung findet verstärkt auf Betriebsebene statt. Drittens zeichnet sich eine Destandardisierung der Erwerbstypen und Prekarisierung von Erwerbsarbeit ab. Seit Mitte der 1990er Jahre haben in Deutschland vor allem atypische Beschäftigungsverhältnisse zugenommen, darunter geringfügige Beschäftigung,Teilzeit, befristete Beschäftigungsverhältnisseund Soloselbstständigkeit. Frauen sind zwar immer häufiger erwerbstätig, dies aber vor allem in Beschäftigungsverhältnissen mit niedrigen Arbeitszeiten.

Viertens verändern sich Arbeitsorganisation und der Modus der Arbeitsteilung. Im Laufe des Globalisierungsprozesses nehmen grenzüberschreitende Interaktionsbeziehungen zu. Innerhalb von Unternehmen werden Hierarchien flacher,Gruppenarbeit gewinnt an Bedeutung und darüber hinaus wird mehr Eigenorganisation von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern verlangt. Fünftens werden eine Zunahme von psychischem Stress am Arbeitsplatz (Burn-out), Zeitnot und Schwierigkeiten der Vereinbarkeit zwischen Familie und Arbeit bei gleichzeitig abnehmender räumlicher und zeitlicher Trennung von Erwerbs- und Privatsphäre (Entgrenzung)konstatiert.

Die Gruppe "Leben & Arbeiten" unter Leitung von Professorin Jutta Allmendinger diskutierte im Rahmen des Fortschrittsforums auch normative Grundlagen zum Thema fortschrittliche bzw. gute Arbeit. Solche normativen Grundlagen sind in verschiedenen Papieren der Gruppenmitglieder zu finden. Dieser Beitrag stellt den Versuch dar, zentrale normative Leitvorstellungen für eine fortschrittliche Arbeitsgesellschaft darzulegen und fruchtbar aufeinander zu beziehen. Solche Leitvorstellungen geben auch Orientierung auf dem Weg zu einer modernen Arbeitswelt und können die oben beschriebenen Arbeitsmarkttrends besser einordnen und bewerten helfen.

2. Leitbilder einer fortschrittlichenArbeitsgesellschaft

2.1 Individuelle Befähigung1 und Freiheit

Der Befähigungsansatz (capabilities approach) nach MarthaNussbaum und Amartya Sen rückt den einzelnen Menschen in das Zentrum der Betrachtung. Er hinterfragt,welche Möglichkeiten Menschen quantitativ und qualitativ haben, ihr Leben zu gestalten. Damit adressiert der Befähigungsansatz den Aspekt von individueller Freiheit und Selbstbestimmung. Martha Nussbaum (2000) rekurriert zudem explizit auf die Idee von menschlichem Wert und menschlicher Würde. Jede Person sollte über grundlegende Fähigkeiten verfügen, um ein gutes, würdevolles Leben zu führen. Das bedeutet, dass bestimmte Schwellenwerte menschlicher Fähigkeiten als Mindeststandards (basic socialminimum) nicht unterschritten werden dürfen. Die Gesellschaft soll entsprechend manchen Individuen oder benachteiligten Gruppen besondere Förderung zu Teil kommen lassen und dort eingreifen, wo das Individuum und die Familie nicht die entsprechenden Möglichkeiten haben.

In Bezug auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt heißt individuelle Befähigung heute vor allem Bildung in einem weiteren Sinne. Neben dem Abbau von"Bildungs- und Ausbildungsarmut" (Allmendinger 1999) und der Fähigkeit zum lebensbegleitenden Lernen machen flachere Hierarchien und Teamarbeit sozialkommunikative Kompetenzen bedeutsam und auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation der Arbeit und Eigenverantwortlichkeit muss erlernt werden.

2.2 Strukturelle Offenheit und Chancengleichheit

Die Befähigung von Individuen ist oftmals eine notwendige,aber nicht zwingend hinreichende Bedingung, um Chancenungleichheiten abzubauen. So sind etwa junge Frauen heute besser ausgebildet als Männer - ihre Chancen auf ein hohes Gehalt und Führungspositionen sind jedoch geringer. Oder Schülerinnen und Schüler aus einem nichtakademischen Elternhaus haben trotz gleicher Kompetenzen eine geringere Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen als Akademikerkinder.

Um Chancenungleichheiten abzubauen, muss auf struktureller Ebene angesetzt und müssen entsprechende Gelegenheitsstrukturen geschaffen werden. Es geht um die Übersetzung von Fähigkeiten in entsprechende (Arbeitsmarkt-)Chancen. Rechtliche Regelungen können hier förderlich sein, aber auch Hürden darstellen (z.B.das Ehegattensplitting in Bezug auf den Umfang der Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen). Zweitens können die vorherrschende Kultur, Werte und Normen individuelles Verhalten und Statusplatzierungen beeinflussen.Explizit sei an dieser Stelle auf die Unternehmenskultur und Unternehmensleitbilder verwiesen. Drittens spielenTransparenz, Informationen und der Zugang zu Informationsquellen(z.B. Beratungszentren) eine Rolle dahingehend,ob Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können.Viertens können das Zusammenspiel von Institutionen wie der Berufsausbildung und Hochschulbildung oder institutionelle Trennungen und Kontexte (z. B. verschiedene Schultypen) eine strukturelle Ursache für individuelle Benachteiligung sein.

2.3 (Materielle) Sicherheit und Solidarität

Individuelle Befähigung, strukturelle Offenheit und Transparenz sind noch keine Gewähr für (materielle) Sicherheit und geringe Ungleichheit. Die Konjunktur, saisonale Schwankungen, die regionale Arbeitsmarktlage oder unvorhergesehene strukturelle Veränderungen können zu Arbeitslosigkeit und damit fehlender materieller Absicherung durch Erwerbsarbeit führen. Auch der Zufall spielt auf dem Markt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unabhängig von individueller Ressourcenausstattung können "Glück"oder "Pech" zu bestimmten Marktergebnissen führen. Schließlich sind bestimmte Lebensphasen und -situationen- Kindheit, Elternschaft, Schule und Ausbildung, hohes Alter, Krankheit - durch Nichterwerbstätigkeit gekennzeichnet und Mindestsicherung über Erwerbstätigkeit ist unmöglich. Mit der Ausweitung des Niedriglohnsektors finden zudem immer mehr arbeitende Menschen kein Auskommen und eigenständige Alterssicherung oberhalb der Armutsgrenze ist nicht mehr gegeben - Letzteres betrifft insbesondere Frauen. Gegenseitige Unterstützung in Familie, Gemeinschaft und Betrieb können zu einer Abfederung individueller Lebensrisiken beitragen. Darüber hinaus bedarf es aber auch gesamtgesellschaftlicher Solidarität und eines gerechten sozialen Sicherungssystems. Da große soziale Ungleichheiten den Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährden, geht es jenseits der reinen materiellen Absicherung um Fragen der Einkommensverteilung und Lohnungleichheit innerhalb des Erwerbssystems (primäre Einkommensverteilung). Eine gut funktionierende Sozialpartnerschaft auf Augenhöhe und damit ein ausgewogenes Machtverhältnis zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften sind hier wesentlich. Allein durch Bildung und Befähigung ist sozialer Schutz nicht zu gewährleisten.

2.4 Flexibilität, Stabilität und Vereinbarkeiten auseiner Lebensverlaufsperspektive

Diskontinuitäten und Flexibilität im Lebensverlauf sind ein Kennzeichen der modernen Gesellschaft. Sie sind  –  wie der Wandel von Erwerbsformen,Lebensstilen und Lebensformen  – nicht durchweg als Bedrohung, sondern auch als Herausforderung und Chance zu begreifen und bergen das Potenzial von Innovationen für ein gutes Leben. In Bezug auf die Erwerbssphäre ist hier z.B. an eine Reduzierung der Arbeitszeit zum Zwecke der Höherqualifizierung oder den Übergang in Selbstständigkeit zur Verwirklichung eigener Ideen zu denken. Sicher fallen solche "innovativen" Strategien dann leichter,wenn dies finanziell durch Firmen oder den Staat flankiert,Mut zum Risiko also belohnt wird. In vielen Lebensphasen(z.B. der Familienphase) ist aber der Wunsch nach Stabilität virulent. Konkret bedeutet Stabilität etwa Arbeitsplatzsicherheit und damit auch Planungssicherheit,aber auch die Arbeitskraft und Gesundheit des Menschen als wertvolle Ressource aufrechtzuerhalten und nicht zu verschwenden.

Eine weitere Herausforderung, die aus einer Lebensverlaufsperspektive heraus besteht, ist die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche. Arbeit, Familie, (Weiter-)Bildung, Kindererziehung und Pflege sind einige davon.Vielfach bleibt auch für individuelle Verwirklichung in anderen privaten Bereichen wenig Raum. Die zunehmende Entgrenzung zwischen Erwerbsarbeit und Leben - Arbeit dringt in die Privatsphäre und die Privatsphäre in die Arbeit ein - ist kein Lösungsweg. Angesetzt werden kann infrastrukturell (z. B. über die Schaffung von Betreuungsmöglichkeiten)oder über eine neue (Lebens-)Arbeitszeitpolitik. Diese umfasst eine Neuverteilung von Arbeitszeitüber den gesamten Lebensverlauf, wie auch eine Reduktionsehr hoher, oftmals nicht gewünschter Arbeitszeiten. Dem Aspekt von Zeitnot und Aufzehrung menschlicher Ressourcen kann damit begegnet werden.

3. Ausblick: Spannungsverhältnisse und Demokratie

Eine Politik, die der modernen Arbeitswelt gerecht werden will, darf nicht eindimensional ausgerichtet sein. Es kann also nicht nur um individuelle Befähigung oder nur um finanzielle Absicherung, strukturelle Offenheit oder Solidarität gehen. All diese Dinge müssen gleichermaßen berücksichtigt und miteinander verhandelt werden.Vielfach kommt es dabei zu Spannungsverhältnissen (vgl. auch Wegener 2013). Wie flexibel oder stabil sollen Erwerbsverläufe sein? Wie stark sollen das Erwerbsleben und das Privatleben miteinander verzahnt werden? Wie ungleich soll die Gesellschaft sein - oben und unten?Welche Lebensphasen sollen solidarisch abgesichert sein und wo trägt das Individuum oder die Familie eine besonders große Verantwortung?

Solche Spannungen und offenen Fragen sind nicht als negativ zu bewerten, sondern können Quell von Innovationen in der Arbeits- und Lebenswelt sein. Sie müssen demokratisch ausgehandelt und verhandelt werden - auf gesamtgesellschaftlicher Ebene genauso wie auf Betriebsebene. Transparenz und Informiertheit sind dabei wesentliche Grundpfeiler für eine gelungene Mitbestimmung und gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus den Beiträgen der Fortschrittsgruppe "Arbeit & Leben". Hier können Sie die ganze Publikation downloaden.




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