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Artikel von L. Fioramonti

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Lorenzo Fioramonti

Lorenzo Fioramonti

ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Pretoria (Süd Afrikla), wo er das Centre for the Study of Governance Innovation  leitet. 

Das Brutto Inlands Problem

von Lorenzo Fioramonti am 12. Februar 2013

Lorenzo Fioramonti argumentiert, dass die Kapazitäten des BIP nach den Jahrzehnten in denen es unseren Volkswirtschaften diente, nun erschöpft zu sein scheint die politischen Entscheidungsträger im Management des Konjunkturzyklus zu unterstützen.


Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zweifellos die weltweit bekannteste Zahl. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts dominierte es nicht nur die kapitalistischen Länder sondern auch sozialistische Gesellschaften. Mittlerweile steht es im Mittelpunkt eines Gesellschaftsmodells und beeinflusst dadurch nicht nur die wirtschaftliche sondern auch die politische und kulturelle Entwicklung.

Das BIP wurde in den USA Ende der 1930er Jahre erfunden, um der Wirtschaft einen zusätzlichen Anstoß zur Überwindung der Großen Depression zu geben. Die Produktionsmaximierung entwickelte sich bald zur Kriegswirtschaft. Ein Wirtschaftswissenschaftler russischer Herkunft, Simon Kuznets, der zu der Zeit im National Bureau for Economic Research arbeitete, wurde damit beauftragt, die Produktion aller Unternehmen und Aufwendungen der Regierung in einer einzigen Zahl auszudrücken, die in guten Zeiten stieg und in schlechten Zeiten fiel. Diese Zahl wurde anfangs Gross National Product (GNP) - Brutto Sozial Produkt - genannt und beinhaltete marktwirtschaftliche Transaktionen, ohne dabei nicht marktbestimmende Tätigkeiten wie ehrenamtliche Arbeit, Dienstleistungen und Naturkapital zu berücksichtigen.

1942 begann Kuznets für das "War Production Board" zu arbeiten und seine Zahlen bewiesen, dass das "Siegesprogramm" von Roosevelt schlecht gestaltet war: Er war davon überzeugt, dass das Land in der Lage zu größeren Leistungen war, ohne Einschränkung des Inlandsverbrauches. Die politischen Berater des Präsidenten hingegen traten für die unverzügliche Beschlagnahmung der Industrien und Unternehmen durch die Regierung ein. Am Ende setzten sich die Ökonomen durch und das Weiße Haus revidierte seine Ansicht. Wie erwartet, boomte die US-Wirtschaft und die Kapazität der Aufrechterhaltung militärischer Präsenz erschien nahezu unbegrenzt. 1944 konnten die USA es sich leisten, den Krieg an zwei Fronten gleichzeitig zu führen, während der Inlandsverbrauch ein Allzeithoch erreichte. Im Gegensatz dazu waren Hitlers militärische Ziele von der deutschen Wirtschaft getrennt, ein Mangel der durch das Fehlen von BIP-Konten verursacht war. Nach Ansicht von Kuznets ehemaligem Chef Wesley Mitchell, gibt es keine Möglichkeit zu beschreiben, wie viel das BIP die "Bemühungen des Zweiten Weltkrieges unterstützt" hat. Ökonomen sind sich heute darüber einig, dass die Erfindung des BIP genauso wichtig für den Sieg des Krieges war wie die Erfindung der Atombombe.

Um das BIP-Wachstum nach dem Krieg zu gewährleisten, trieb die Regierung den privaten Konsum massiv an und erhöhte ihr Verteidigungsbudget. Während der militärische Konflikt den Erfolg des BIP als politisches Instrument gekennzeichnet hatte, besiegelte das Nachkriegssystem des Massenkonsums seinen Einfluss auf die Gesellschaft als Instrument der wirtschaftlichen Hegemonie: "Unsere jungen Männer waren in den Krieg gezogen," schrieb einst der Wirtschafts-Analyst Colb und seine Kollegen. "Jetzt ziehen die Amerikaner in die Einkaufszentren die sich irgendwann über das ganze Land ausbreiten". Und diese enge Beziehung zwischen Krieg und Konsum änderte sich auch nicht in Friedenszeiten. Zwischen 1948 und 1989 war das amerikanische Wirtschaftswachstum weitgehend von Militärausgaben abhängig. Kuznets gefiel diese Entwicklung nicht und er vertrat das "Friedenszeiten Konzept" des BIP, mit Ausnahme der militärischen Ausgaben.

Während der vergangenen Jahrzehnte war die generelle Übereinstimmung zwischen Wirtschaftswissenschaftlern was das BIP betraf allgegenwärtig. Die Tatsache, dass das BIP einige der wichtigsten Faktoren der Gesellschaft vernachlässigt, wie die Schattenwirtschaft, soziale Beziehungen, den Wert der natürlichen Ressourcen und - vielleicht am wichtigsten - das menschliche Wohlbefinden, schien sie nie zu beunruhigen. Im Gegensatz dazu hatte Kuznets immer erkannt, dass das BIP "von implizierten und explizierten Werturteilen" und "umstrittenen Kriterien" betroffen ist. Jede Generation, argumentiert er, sollte die Möglichkeit haben zu überdenken, was aufgenommen und was ausgeschlossen wird, da sich Werte, Prinzipen und gesellschaftliche Ziele im Laufe der Zeit ändern. Während das BIP seit mehreren Jahrzehnten unseren Volkswirtschaften diente, scheint seine Kapazität erschöpft zu sein, die politischen Entscheidungsträger im Management des Konjunkturzyklus zu unterstützen. Seit 2007 wurden Schätzungen des BIP mehrfach überarbeitet aber die Rezession erwies sich als viel schwerwiegender als ursprünglich angenommen. In Europa hat die OECD und EU eine neue Initiative unter dem Namen "Beyond GDP" - "Über den BIP hinaus" angeregt. Der britische Premierminister David Cameron rief nationale Statistiker dazu auf, die immer düstereren Berechnungen der vierteljährlichen BIP-Entwicklung mit stärkeren Hinweisen auf das "Glücksgefühl" der Briten zu ergänzen. Die US Regierung folgte und forderte die Einführung einer neue Maßeinheit des "subjektiven Wohlbefindens". Sogar China begann mit der Strategie eines kontroversen "grünen" BIP Projektes. Im April 2012 erklärte der UN-Generalsekretär schließlich, dass auch wenn das BIP "lange die Maßeinheit war, an der Volkswirtschaften und Politiker gemessen wurden ", diese "nicht die sozialen und ökologischen Kosten des sogenannten Fortschritts berücksichtigt". Er forderte "ein neues wirtschaftliches Paradigma" um soziales, wirtschaftliches und ökologisches Wohlbefinden zu erfassen. Zusammen, sagte er, definieren sie das "Brutto Globale Glück".

'Gross Domestic Problem: The Politics Behind the World's Most Powerful Number' (Zed Books, 2013)




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