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Artikel von H. Bontrup und M. Massarrat

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Heinz-J. Bontrup

Heinz-J. Bontrup

ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen und ist Mitverfasser und Herausgeber der jährlichen Memoranden der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik.

Mohssen Massarrat

Mohssen Massarrat

ist em. Professor für Politik und Wirtschaft am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück mit den Forschungsschwerpunkten Mittlerer und Naher Osten, Energie, Friedens- und Konfliktforschung, sowie Nord-Süd-Konflikt.

Arbeitszeitverkürzung lange überfällig

von Heinz-J. Bontrup und Mohssen Massarrat am 26. Februar 2013

Eine Arbeitszeitverkürzung ist dringend überfällig, argumentieren Heinz-J. Bontrup und Mohssen Massarrat, die Verfasser des aktuell diskutierten offenen Briefes zur Initiative „30-Stunden-Woche“.


Viel zu lange gibt es in Deutschland Massenarbeitslosigkeit. Seit Gründung der Bundesrepublik waren es nur wenige Vollbeschäftigungsjahre. Die überwiegende Zeit war die bundesdeutsche Volkswirtschaft personell stark unterbeschäftigt. Es hat sich unabhängig von konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit eine verfestigte "Sockelarbeitslosigkeit" (Fritz Vilmar) aufgebaut. Das kapitalistische System schafft es offensichtlich nicht, für alle arbeitsuchenden Menschen zumindest einen Arbeitsplatz bereitzustellen, einen konkreten Ort, an dem sie ihre gesellschaftlich gebildeten Arbeitsvermögen anwenden können, ob hoch oder weniger hoch ausgebildet, um von bezahlter Arbeit ohne staatliche (gesellschaftliche) monetäre Alimentierung zu leben. Oskar Negt stellt in diesem Kontext fest: "Es ist dabei zunächst noch keine Rede von Selbstverwirklichung in der Arbeit, sondern nur von der bloßen Möglichkeit, durch gegenständliche Tätigkeit, und sollte sie auch noch so entfremdet sein, die materiellen Grundlagen der Existenz zu sichern und dadurch in den Genuss der einzig verfügbaren öffentlichen Anerkennungs­privilegien zu gelangen."

Eine Gesellschaft, die dieses Minimum nicht mehr anzubieten imstande ist, verspielt langfristig ihren moralischen Kredit, der für eine einigermaßen friedliche Konfliktregelung ihrer Interessenwidersprüche unabdingbar ist; unter solchen Verhältnissen wachsen Gewaltpotentiale sehr schnell. Seit Jahren dringt die Angst, durch Arbeitsplatzverlust aus dem gesellschaftlichen Ganzen vertrieben zu werden, in alle Poren unserer Lebenszusammenhänge. Dass der Entzug von Arbeit, ja schon der drohende oder phantasierte Arbeitsplatzverlust sozialpsychologisch eine 'depressive Dynamik' in den Individuen auslöst, (...) scheint heute die Gesamtgesellschaft in ihren charakteristischen Merkmalen zu kennzeichnen. Entzug von Arbeit bedeutet, darin sind sich wichtige psychologische Studien zu den Folgen der Arbeitslosigkeit einig, nichts weniger als Realitätsentzug. Angst vor Realitätsentzug erzeugt wiederum erhöhte Bereitschaft zu Anpassung und Überanpassung." Wie gerade die deutsche Geschichte lehrt, erwachsen hieraus gefährliche demokratische Bestandsprobleme.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde schon immer aus Interessengründen erschwert. Dies deshalb, wie der polnische Ökonom Michal Kalecki 1943 schrieb, weil eine Situation der Vollbeschäftigung die Macht der Unternehmer im Kapitalismus schwächt und die der Gewerkschaften stärkt. Arbeitslosigkeit diszipliniert die abhängig Beschäftigten und die Arbeitslosen gleichzeitig, betonte auch die britische Ökonomin, Joan Robinson, im Jahr 1949. Das Kapital hat daher kein Interesse an einer verkürzten Arbeitszeit zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, denn im kapitalistischen System besteht die Tendenz, die Arbeitszeit immer weiter auszuweiten, sodass Arbeitstag und Lebenstag praktisch miteinander verschmelzen. "In seinem maßlos blinden Trieb, seinem Werwolfs-Heißhunger nach Mehrarbeit, überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, sondern auch die rein physischen Maximalschranken des Arbeitstages. Es usurpiert die Zeit für Wachstum, Entwicklung und gesunde Erhaltung des Körpers." In der Mehrwertproduktion stehen nicht der Mensch und die Natur im Mittelpunkt, sondern diese sind nur Mittel (Instrumente) zur Gewinnmaximierung für eine kleine privilegierte gesellschaftliche Schicht. Allen anderslautenden Verheißungen in der so genannten "modernen" Management- oder Personalliteratur zum Trotz: Die Menschen bleiben unter kapitalistischen Verhältnissen lediglich "Produktionsfaktoren".

Unter den Bedingungen hoher Arbeitslosigkeit und dem "neuen Geist des Kapitalismus", der fast nur noch markt- und wettbewerbsgetrieben als Shareholder-Kapitalismus daherkommt, ist eine Prekarisierung, eine Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu konstatieren. Diese haben nicht nur zu einem gefährlichen gesamtwirtschaftlichen Lohndumping geführt, sondern auch die für Arbeitsmärkte wichtige Machtbalance zwischen Kapital und Arbeit in Richtung einer einseitigen kapitaldominierenden Struktur zunehmend aufgelöst. Der Druck auf die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften wächst mit zunehmender oder auch nur stagnierender Massenarbeitslosigkeit und sie müssen immer weitergehende Zugeständnisse an Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und ihre Bezahlung machen. Hierin manifestiert sich ein System von Widersprüchen und hieraus erwachsen schwerwiegende und vielfältige gesellschaftliche, als auch ökonomische Pathologien.

Um dem entgegen zu wirken haben wir uns - neben dem "Offenen Brief an die Vorstände der Gewerkschaften, Parteien, Sozial- und Umweltverbände und Kirchenleitungen" - zur Herausgabe der Broschüre "Arbeitszeitverkürzung jetzt!" entschieden. Sie will Wissen über die sträflich vernachlässigte Arbeitszeitfrage vermitteln. Dazu wurde als erstes das von den Herausgebern im Mai 2011 geschriebene und initiierte "Manifest zur Bekämpfung der Massen­arbeitslosigkeit" in die Broschüre aufgenommen. Das Manifest zeigt auf Basis einer gesamtwirtschaftlichen Berechnung, wie dringend notwendig die Einführung einer rechnerischen 30-Stunden-Woche in Deutschland ist. Fritz Vilmar hat als Nachwirkung der Weltwirtschaftskrise von 1974/75 schon 1977 die Gewerkschaften in einem bahnbrechenden Aufsatz vor den Folgen einer Nichtumsetzung von Arbeitszeitverkürzungen eindringlich gewarnt. Schon damals forderte er eine "Systematische Verknappung des Arbeitskraft-Angebots" als eine "Unverzichtbare Strategie erfolgreicher Vollbeschäftigungspolitik". Oswald von Nell-Breuning, Sozialethiker und Berater von Konrad Adenauer, ging in Sachen Arbeitszeitverkürzung 1985 noch viel weiter, als er schrieb: "Ich stelle mir vor, daß wir dahin kommen werden, das zur Deckung des gesamten Bedarfs an produzierten Konsumgütern ein Tag in der Woche mehr als ausreicht." Arbeitszeitverkürzung hat, so auch der große Nachkriegs-Sozialphilosoph und Soziologe Oskar Negt nicht nur einen ökonomisch wichtigen Charakter, sondern Arbeitszeitverkürzung ist ebenso im Kontext mit menschlicher Würde zu sehen. Der von Negt in der Broschüre erneut abgedruckte Essay macht dies deutlich. 

Nach den Erfolgen von Arbeitszeitverkürzungen in den 1980er Jahren (hin zur 35-Stunden-Woche) ist es etwa ab Mitte der 1990er Jahre still um weitere Arbeitszeitverkürzungen geworden. Die Gewerkschaften haben seitdem zu sehr auf reine Lohnforderungen gesetzt, die aber aufgrund der bestehenden Massen­arbeitslosigkeit nicht den gesamtwirtschaftlichen verteilungsneutralen Spielraum aus Produktivitäts- und Inflationsrate haben ausschöpfen können. Infolge kam es zu einer Umverteilung von den Arbeits- zu den Besitzeinkommen und gleichzeitig zu Arbeitszeitverlängerungen und Arbeitszeitverdichtungen in Richtung der alten durchschnittlichen Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche. Dies zeigt, dass ohne eine Verknappung von lebendiger Arbeit der Preis für die Arbeitskraft zugunsten des Kapitals immer mehr verfällt und am Ende noch länger gearbeitet werden muss.

Informationen zur aktuellen Initiative können angefordert werden unter: 30-Stunden-Woche@gmx.de

Hier finden Sie den offenen Brief von Heinz-J. Bontrup, Mohssen Massarrat und anderen namhaften Unterstützern der 30-Stunden-Woche.




2 Kommentare:

B. Ehlert

B. Ehlert am 03. Mrz 2013 um 11:22 Uhr

Die Massenarbeitslosigkeit ist wie in dem Beitrag beschrieben selbst in dem wirtschaftlich so erfolgreichen Deutschland immer noch vorhanden und wird insofern zu recht angeprangert und mit einem Vorschlag zu lösen versucht. Doch um zu einer wirklichen und nachhaltigen Lösung zu kommen kann heute nicht mehr ein einziges Problem für sich allein in einem einzigen Land isoliert betrachtet werden. Wie andererseits zu recht an diesem Vorschlag kritisiert wird, kann die in dem Beitrag enthaltene Lösung unter den gegebenen Bedingungen nicht greifen.

Die gesellschaftlichen und ökologischen Probleme sind heute vor allem zunächst einmal in den globalen Vernetzungen und Dimensionen zu sehen. Um sich über die gegenwärtigen Entwicklungen und die damit verbundenen Probleme tiefgründiger bewusst zu werden und sie in einem noch größeren Zusammenhang sehen, einordnen und vielleicht sogar lösen zu können, ist darüber hinaus nicht nur eine räumliche Weitung des Blicks oder der Perspektive angebracht, sondern auch eine zeitliche. Ähnlich wie in der Luftbildarchäologie werden manche Strukturen nur mit einem größeren Abstand überhaupt erkennbar.

Diese vom Alltagsgeschehen erhöhte Perspektive hatte etwa Friedrich Schiller in seiner Antrittsvorlesung als Historiker in beeindruckender Weise vorgeführt, als er darin die Frage stellte: „Welche Zustände durchwanderte der Mensch, bis er von jenem Aeußersten zu diesem Aeußersten, vom ungeselligen Höhlenbewohner – zum geistreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinauf stieg?“

Schiller beschrieb dabei, entsprechend den Reisebeschreibungen seiner Zeit über entdeckte „Wilde“, dass diese Wilden „ohne das Eisen, ohne den Pflug, einige sogar ohne den Besitz des Feuers“ waren, andere, obwohl schon etwas höher entwickelt, durch „Knechtschaft und Despotismus“ immer noch ein schauderhaftes Bild boten. Einerseits waren diese Wilden durch „Sklaverei, Dummheit und Aberglauben“ niedergebeugt, doch auch im anderen Extrem dazu, nämlich einer „gesetzlosen Freiheit“, lebten sie im Elend. „Krieg hingegen war bei allen“. Dann stellte Schiller fest: „So waren wir. Nicht viel besser fanden uns Cäsar und Tacitus vor achtzehnhundert Jahren.“

Durch den Eintritt in die zivilisierte Gesellschaft, die durch „weise Gesetze“ und die „sanftere Herrschaft der Verträge“ geprägt war, hatte der Mensch nach Schillers Worten „die Freiheit des Raubthiers hingegeben, um die edlere Freiheit des Menschen zu retten“. „Welche rege Thätigkeit überall, seitdem die vervielfältigten Begierden dem Erfindungsgeist neue Flügel gaben und dem Fleiß neue Räume aufthaten! – Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft jetzt ein weltbürgerliches Band“.

Schiller machte daraufhin eine Aussage, die heute höchst aktuell ist, aber er formulierte sie zu seiner Zeit noch sehr vorsichtig: „Die europäische Staatengemeinschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen.“
Wie sich später gezeigt hat, war diese vorsichtige Formulierung sehr angebracht. Die „Hausgenossen“ haben sich ein gutes Jahrhundert nach dieser Aussage nicht nur in nie dagewesener Weise zerfleischt, sondern Schillers eigene sogenannte Kulturnation ist dabei so gut wie geschlossen in die Barbarei eines „Höhlenbewohners“ zurückgefallen, die mit Menschlichkeit und Kultur nicht mehr viel zu tun hatte.

Schiller sah eine fortlaufende Entwicklung im Mensch-Sein, die aber in dieser Stetigkeit nicht direkt und bewusst durch den Menschen selbst bestimmt wird. Für Schiller besitzt der Mensch als solcher mitsamt seinen Meinungen nur eine flüchtige Existenz, daher schreibt er der Geschichte als „unsterbliche Bürgerin aller Nationen und Zeiten“ die eigentliche Rolle zu, die für die fortlaufende Entwicklung des Menschen steht: „Wie regellos auch die Freiheit des Menschen mit dem Weltlauf zu schalten scheine, ruhig sieht sie dem verworrenen Spiele zu; denn ihr weitreichender Blick entdeckt schon von ferne, wo diese regellos schweifende Freiheit am Bande der Notwendigkeit geleitet wird.“ Der Menschheit offenbart sie dabei, „daß der selbstsüchtige Mensch niedrige Zwecke zwar verfolgen kann, aber unbewußt vortreffliche befördert.“

Weiter sagt er dann über diese Geschichte des Menschen bzw. im Gegensatz dazu über die Rolle des seinen Begierden folgenden Mensch-Seins: „Indem sie das feine Getriebe aus einander legt, wodurch die stille Hand der Natur schon seit dem Anfang der Welt die Kräfte des Menschen planvoll entwickelt und mit Genauigkeit andeutet, was in jedem Zeitraume für diesen großen Naturplan gewonnen worden ist: so stellt sie den wahren Maßstab für Glückseligkeit und Verdienst wieder her, den der herrschende Wahn in jedem Jahrhundert anders verfälschte.“ Durch den Wahn des letzten Jahrhunderts hätten wir so insbesondere Demokratie und Menschenrechte gewonnen.

In dieser Weise galt allgemein für Schiller: „Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen haben sich – ohne es zu wissen oder zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt.“ Dass diese Entwicklung zum Humanen hin durch die Naturgesetzlichkeiten „am Bande der Notwendigkeit geleitet wird“, entspricht auch dem modernen, evolutionären Verständnis. Mit anderen Worten: Gerade der Wahn des letzten Jahrhunderts hat für alle sichtbar und erfahrbar gezeigt, dass bestimmte Verhaltensweisen und Wertvorstellung, die zu früheren Zeiten angepasst und »gut« waren, unter den Bedingungen des modernen Menschen nicht mehr passen. Die Moral selbst erweist sich hier als relativ und ruht letztlich auf den Naturgesetzlichkeiten, oder wie Schiller es ausdrückte, einem „großen Naturplan“.

Haben wir heute dieses menschliche Jahrhundert endlich umfassend und endgültig herbeigeführt und gesichert – oder befinden wir uns gerade wieder in einem herrschenden Wahn, der das eigentliche Ziel verfälscht? Kann es sein, dass wir heute besonders in der globalisierten Wirtschaft die „Freiheit des Raubthiers“ mit der „edleren Freiheit des Menschen“ verwechseln, die stets durch „weise Gesetze“ kultiviert und garantiert werden muss, damit sie darin zum Blühen gelangen kann? Anders ausgedrückt: Liegt die weitere Entwicklung des Menschen in einem immer exzessiveren Sammeln von materiellen Werten als Lebenssinn in einem begrenzten und schon jetzt überbevölkerten Lebensraum, oder nicht vielmehr in einem Sammeln von geistig-kulturellen Werten?

Kant argumentierte in derselben Richtung wie Schiller, wobei er in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ den entscheidenden Umstand in der bisherigen und weiteren kulturellen Entwicklung des Menschen klar und eindeutig beim Namen nannte: „Bey der Bösartigkeit der menschlichen Natur, die sich im freyen Verhältnis der Völker unverholen blicken läßt (indessen daß sie im bürgerlich-gesetzlichen Zustande durch den Zwang der Regierung sich sehr verschleyert)“.
Das heutige evolutionäre Verständnis kann diese grundlegenden Erkenntnisse von Kant und Schiller zur Natur des Menschen voll und ganz bestätigen. Der Mensch ist dasjenige Tier, dem Geist und Kultur durch eine neue natürliche Besonderheit der evolutionären Entwicklung praktisch aufgepfropft wurde, d.h. das „Raubtier“ gehört weiter zur Natur und zum dadurch zweigeteilten Wesen des Menschen. Wenn sich der Mensch dagegen für ein Wesen göttlicher Herkunft und übernatürlichen Zieles hält und darin seine natürliche Herkunft und sein natürliches (Raubtier)Wesen leugnet, hat dadurch in seiner weiteren Entwicklung das Raubtier in ihm schon gewonnen und führt immer wieder in einen Wahn.

Das Raubtier taucht dann in anderer Form selbst in den Versuchen auf, die die Folgen des Raubtierwirkens eigentlich bekämpfen wollten, wie etwa im Kommunismus oder Sozialismus. Es tauchte deswegen dort auf, weil nicht wie bei Kant und Schiller diese wahre Ursache erkannt wurde. Der Mensch taumelt daher orientierungslos von einem Wahn in den nächsten, ist aber stets mit einer im wahrsten Sinne des Wortes instinktiven Sicherheit davon überzeugt, dass der jeweils herrschende Wahn die Vollendung des Mensch-Seins ist.

Die weitere Kultivierung bleibt so stets nur immer ein unbewusstes Flickwerk im Nachhinein. Das eigentliche Wesen des Menschen in seiner zweigeteilten Natur, das seine bisherige Entwicklung stetig prägte und worin naturgesetzlich nur seine Zukunft liegen kann, ist so in diesem eigentlichen, geistigen Wesen selbst noch gar nicht erkannt und unterschieden worden – aber die Natur wird den Menschen dieses eigentliche Ziel und diese stetige eigentliche Entwicklung wie bisher dann immer wieder auf ihre Weise lehren.


E. Stiefel

E. Stiefel am 07. Mrz 2013 um 09:27 Uhr

Die Debatte zur 30-Stunden-Woche nährt sich aus dem Vorstoß des DGB im Jahr 1956, mit der 40-Stunden-Woche den Wildwuchs des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Krieg in geordnete Bahnen zu lenken. In den Fabriken schuftete man bis zu 80 Wochenstunden und mehr, für ein bisschen Wohlstand opferten Männer und Frauen Erholung und Freizeit.

Damals war es selbstverständlich, dass Frauen nach dem ersten Kind die Sorge für den Gelderwerb an einen Ehemann delegierten. Männer wurden zu Ernährern, sie arbeiteten nicht länger nur für sich, sondern darüber hinaus auch für Frau und Kind. Mit dem Motto Vati gehört samstags mir transportierte man neben dem Anspruch von Kindern auf die Präsenz von Vätern auch den Protest von Männern gegen ihre totale Verfügbarkeit für den Familienunterhalt.

Die Interessen der Frauen spielten dabei keine Rolle. In mehr als 50 Jahren hat sich sowohl die Erwerbsarbeit als auch das Verhältnis von Frauen und Männern grundlegend geändert. Bezahlte Arbeit dient nicht mehr nur dem Erwerb von Wohlstandsgütern. Frauen unterhalten sich mehrheitlich selbst und bestreiten auch wesentliche Teile des Unterhalts für ihre Kinder. Väter beteiligen sich manchmal nicht nur samstags an der Erziehung.

Von einer Balance der Parameter für eine ersprießliche Zukunft des Wirtschaftens oder gar von Geschlechtergerechtigkeit kann jedoch keine Rede sein. Ich würde von alternativen Wirtschaftswissenschaftlern erwarten, dass eine Initiative zur Arbeitszeitverkürzung über das enge Ökonomieverständnis des Industriezeitalters hinausweist.